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METHODEN DER VERHALTENSTHERAPIE
Lerndisposition
Da Lernen eine wesentliche Rolle spielt wird hier nochmals kurz die Lerndisposition
besprochen: Wir unterscheiden zwischen
1) Angeborener Lerndisposition
2) Erworbener Lerndisposition
3) Aktueller Lerndisposition
Angeborene Lerndisposition
Sie ist genetisch festgelegt und durch sie sind einer Tierart nicht überschreitbare
Grenzen des Lernvermögens gesetzt. Beim Hund hängt die Lerndisposition
auch von der Rasse ab: Hunderassen, die über Generationen auf das
Befolgen von Befehlen selektiert wurden werden diesbezüglich sehr
gutes Lernvermögen aufweisen. Dies sind z.B. die Hütehunde (u.a.
Schäferhund und Border Collie). Hunde die hingegen auf Laufgeschwindigkeit
selektiert wurden, werden im Vergleich zu den Hütehunden geringeres
Lernvermögen aufweisen. Das bedeutet, dass man vom ursprünglichen
Verwendungszweck einer Rasse auf deren Lernvermögen schließen
kann. Dies hat besondere Bedeutung bei der Wahl der therapeutischen Mittel
und bei der Stellung der Prognose. Wobei vorweggenommen sein soll, dass
die Prognosestellung immer sehr vorsichtig erfolgen soll, um nicht beim
Besitzer den Eindruck zu erwecken, dass das betreffende Verhaltensproblem
innerhalb weniger Tage zu lösen sei.
Erworbene Lerndisposition
Sie wird durch die Umstände bestimmt, unter denen der Hund aufgewachsen
ist: Hat sich der Züchter und anschließend der Hundehalter
während der Entwicklungsphasen sehr intensiv mit dem Tier beschäftigt
und ihm eine abwechslungsreiche Umgebung verschafft, so darf man ein gutes
Lernvermögen erwarten. Ist der Hund hingegen wenig beachtet worden,
oder gar in einem Zwinger aufgewachsen, so darf man von verhaltenstherapeutischen
Methoden, die auf Lernen basieren, weniger erwarten. Dass dem tatsächlich
so ist, konnte mittels Untersuchungen an Ratten gezeigt werden: Tiere
die isoliert aufwuchsen zeigten eine geringere Gehirnrindendicke als solche,
die in einer sehr abwechslungsreichen Umwelt aufwuchsen. Hier muss bei
der Erhebung der Anamnese versucht werden, möglichst viel Information
über die Bedingungen zu erfahren, unter denen der Hund aufgewachsen
ist.
Aktuelle Lerndisposition
Sie könnte salopp als die Tagesverfassung bezeichnet werden: U.a.
bestimmen Gesundheitszustand, Hormone und Tageszeit die aktuelle Lerndisposition:
Ein krankes Tier wird selbstverständlich weniger lernfähig sein
als ein gesundes. Eine läufige Hündin wird wohl kaum neue Kommandos
lernen. Ein Lern- oder Trainingsprogramm, das während der normalen
Ruheperiode eines Hundes stattfindet, wird nur wenig Erfolg zeitigen.
Dies bedeutet, dass der Verhaltenstherapeut in seinen Empfehlungen an
den Tierbesitzer diese Faktoren berücksichtigen sollte.
Es wird eine Einteilung der Lernprozesse gegeben, in die verhaltenstherapeutisch
relevanten Lernformen
hervorgehoben werde.
Lernähnliche Prozesse
(a) und Lernen (b)
a)
Prägung: - Objektprägung
Motorische Prägung Habituation
b)
Lernen obligatorisches
fakultatives j
latentes Lerne kienästhetische Lernen
* Lernsituationen: Klassische Konditionierung
Operante Konditionierung
Unter den lernähnlichen Prozessen hat die Prägung keine therapeutische
Bedeutung, da der Patient in einem Alter vorgestellt wird, in dem die
sensible Phase (vgl. Prägungsphase) bereits abgeschlossen ist. Sie
hat nur insofern Bedeutung, als in ihr bereits die Ursachen für spätere
Verhaltensstörungen liegen können (z.B.: Angst oder Aggressivität
gegenüber bzw. vor Menschen).
Habituation, Desensibilisierung
Große Bedeutung hat hingegen die Habituation oder Gewöhnung.
In der Verhaltenstherapie wird sie in Form der "Desensibilisierung
eingesetzt: Man versteht darunter das Gewöhnen an einen Reiz oder
mehrere Reize, die Furcht hervorrufen. Das Grundprinzip besteht darin,
dass man das Tier dem furchtauslösenden Reiz zunächst mit geringer
Intensität aussetzt. Von Tag zu Tag steigert man die Reizstärke,
bis sie der Intensität entspricht, mit welcher der Reiz normalerweise
auftritt: Hat ein Hund z.B. Furcht vor Schussgeräuschen, so kann
man einige Schussgeräusche auf Tonband aufnehmen und sie dem Tier
von Tag zu Tag mit etwas größerer Lautstärke vorspielen.
Man muss dabei aber sehr behutsam vorgehen. In manchen Fällen kann
der Hund so furchtsam sein, dass sogar geringe Reizintensitäten Furchtreaktionen
hervorrufen. In diesen Fällen ist man gezwungen, beruhigende Mittel
einzusetzen, damit die Desensibilisierung überhaupt erst möglich
wird. Diese Beruhigungsmittel dürfen aber keinesfalls das Lernvermögen
beeinträchtigen, da ansonst die Desensibilisierung nicht möglich
ist, sie stellt ja eine Form des Lernens dar. Im Allgemeinen erzielt man
mit dieser Methode gute Erfolge, wenn das Tier nur Furcht vor ein oder
zwei Reizqualitäten hat. Bei Angst vor Gewitter ist diese Methode
weniger erfolgreich, da mit einem Gewitter eine Vielfalt von Reizen auftritt,
die kaum nachgeahmt werden kann: Vor einem Gewitter kommt es zu starker
elektrostatischer Aufladung der Luft, es treten Luftdruckschwankungen
auf, durch den Blitz bedingte Lichterscheinungen, der Donner und damit
verbundene Vibrationen des Bodens, sodass das Aufnehmen von Donner auf
Tonband und Abspielen bei zunehmender Lautstärke, nur wenig Aussicht
auf Erfolg hat. Löst eine Vielfalt von Reizen Furcht oder Angst aus,
so kann man die normale Reizintensität und -qualität zur Desensibilisierung
nützen, wenn man den Hund mit angstlösenden Mitteln behandelt.
Die Medikamentengabe erfolgt mehrere Wochen hindurch, sodass das Tier
lernen kann, dass es vor diesen Reizen keine Furcht haben muss. Anschließend
wird die Tagesdosis des Mittels langsam verringert und schließlich
wird es überhaupt nicht mehr verabreicht.
Operante oder Instrumentelle
Konditionierung
Die beiden Fallbeispiele sollen einerseits zeigen, dass eine exakte Erhebung
der Anamnese Voraussetzung für eine erfolgreiche Verhaltenstherapie
ist und andererseits, dass die Desensibilisierung ein mächtiges Instrument
bei der Behandlung von Furcht und Angst ist.
Das zweite Instrument ist die Operante oder Instrumentelle Konditionierung,
die dem fakultativen Lernen zuzuordnen ist. Unter fakultativem Lernen,
versteht man Lernen, welches nicht unbedingt für das Überleben
eines Tieres notwendig ist. Das obligatorische Lernen ist hingegen für
das Überleben notwendig. Durch dieses werden angeborene Verhaltensabläufe,
z.B. wie Beutefangverhalten verfeinert und optimiert. Zum fakultativen
(möglichen) Lernen zählen z.B. Lernprozesse im Rahmen der Dressur
bzw. Abrichtung. Bei der Operanten Konditionierung wird ein bestimmtes
Verhalten mit einer Belohnung verknüpft, wenn es erwünscht ist
und mit einer Bestrafung, wenn es unerwünscht ist. In der Verhaltenstherapie
wird diese Lernform meist als "Gegenkonditionierung" bezeichnet
und verwendet. Hat z.B. ein Hund Angst vor einer bestimmten Situation,
so kann man diese Situation mit etwas positiven verknüpfen. Setzt
ein Hund eine unerwünschte Handlung, so kann man sie mit einer Bestrafung
verknüpfen. Ist die Reaktion gegen Gegenstände gerichtet (Zerbeißen
oder Benagen von Einrichtungsgegenständen) so bestraft man anonym.
Bei der anonymen Bestrafung weiß das Tier nicht woher der Strafreiz
kommt. Beginnt ein Hund wegzulaufen, um zu wildern, so kann man ihm eine
kleinere Blechdose mit Schottersteinen oder ihm kleine Schottersteine
direkt nachwerfen. Das Wesentliche dabei ist nicht das Zufügen eines
Schmerzreizes sondern der Überraschungseffekt. Ist die unerwünschte
Handlung hingegen gegen den Besitzer gerichtet, so wird man eine deklarierte
Bestrafung anwenden, d.h. der Hund erkennt sehr wohl, von wem der Strafreiz
stammt. Diese Form der Bestrafung ist z.B. bei Aggressivität gegenüber
dem Besitzer angezeigt. Es sei hier nochmals erwähnt, dass weniger
der Schmerz als die Überraschung von Bedeutung sind: Der Schlag mit
einer zusammengerollten Zeitung ist nicht sehr schmerzhaft aber das damit
verbundenen Getöse sehr erschreckend für den Hund. Eine wirksame
Form der Bestrafung ist auch der abrupte Abbruch eines Spieles mit dem
Hund und der Entzug von Aufmerksamkeit. Die bestrafende Wirksamkeit der
Zuwendung wird oft unterschätzt: Bedenken Sie aber, dass die Nähe
beim Ranghöchsten in einem Wolfsrudel enorm belohnenden Charakter
hat. Man kann den belohnenden Effekt verstärken, indem man vorher
die Zuwendung entzieht. Die Operante Konditionierung kann auch unerwünschte
Verhaltensweisen bewirken oder verstärken: Beispiel: Ein Hund zeigt
Angst vor Gewitter. Sie nehmen ihn hoch, sprechen beruhigend auf ihn ein,
streicheln ihn und geben ihm Leckerbissen. Durch ihr Verhalten wird die
Angstreaktion des Hundes belohnt und sie wird von mal zu mal stärker
auftreten, da der Hund bei jeder dieser Angstreaktionen Zuwendung und
Belohnung erfährt.
Klassische Konditionierung
Eine dritte wesentliche verhaltenstherapeutische Maßnahme ist die
Klassische Konditionierung: Bei ihr wird ein ursprünglich neutraler
Reiz mit einem reaktionsauslösendem verknüpft. Werden beide
Reize mehrmals gemeinsam angeboten, so kann auch der neutrale Reiz die
Reaktion auslösen. Man spricht dann von einem bedingten Reflex. In
diesem Zusammenhang sei an die Untersuchungen Pawlows erinnert. Die klassische
Konditionierung wird bei der Ausbildung von Hunden oft unbewusst verwendet.
Wenn Sie einen Hund belohnen und dabei jedes mal das Wort "brav"
sagen, so wird nach einiger Zeit das Wort "brav" allein belohnenden
Charakter bekommen. Ebenso wird das Wort,,Pfui" oder "Aus"
bestrafenden Charakter erlangen, wenn dieses Wort mehrmals mit einer tatsächlichen
Bestrafung kombiniert wird. Die klassische Konditionierung kann auch unbeabsichtigt
erfolgen und zu unangenehmen Effekten beim Tier führen: Ist bei einem
Tierarztbesuch eine schmerzhafte Behandlung durchgeführt worden,
so kann dadurch eine Angstreaktion konditioniert worden sein: Der Hund
zeigt bereits beim Betreten der Ordination Angst, obwohl er noch gar nicht
behandelt wird. Diese Angst kann sich in erhöhter Herz- und Atemfrequenz,
Kot- und Harnabsatz äußern. Dies kann soweit gehen, dass bereits
der Anblick einer Person in einem weißen Mantel Angst auslöst.
Eine besondere Form der klassischen Konditionierung ist die sogenannte
sensorische Vorkonditionierung: Sind mehrmals, an sich neutrale Reize
gemeinsam, miteinander aufgetreten, und wird dann auf einen hin ein bedingter
Reflex ausgebildet, so kann auch der andere aufgrund der sensorischen
Vorkonditionierung diese Reaktion auslösen. Der Hundebesitzer trägt
zum Beispiel beim Autofahren immer eine bestimmte Bekleidung. Tierarztbesuche
erledigt der Hundehalter gleichfalls mit dem Auto. Aufgrund einer sensorischen
Vorkonditionierung zeigt der Hund Angst, sobald der Hundebesitzer diese
Kleidung anzieht und wird eventuell auch Angst vor dem Autofahren haben.
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