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Verhalten

"Verhalten und Verhaltensstörungen des Hundes"

Seminar mit Uni.Prof.Dr.Hermann Bubna - Littitz


METHODEN DER VERHALTENSTHERAPIE

Lerndisposition
Da Lernen eine wesentliche Rolle spielt wird hier nochmals kurz die Lerndisposition besprochen: Wir unterscheiden zwischen
1) Angeborener Lerndisposition
2) Erworbener Lerndisposition
3) Aktueller Lerndisposition

Angeborene Lerndisposition
Sie ist genetisch festgelegt und durch sie sind einer Tierart nicht überschreitbare Grenzen des Lernvermögens gesetzt. Beim Hund hängt die Lerndisposition auch von der Rasse ab: Hunderassen, die über Generationen auf das Befolgen von Befehlen selektiert wurden werden diesbezüglich sehr gutes Lernvermögen aufweisen. Dies sind z.B. die Hütehunde (u.a. Schäferhund und Border Collie). Hunde die hingegen auf Laufgeschwindigkeit selektiert wurden, werden im Vergleich zu den Hütehunden geringeres Lernvermögen aufweisen. Das bedeutet, dass man vom ursprünglichen Verwendungszweck einer Rasse auf deren Lernvermögen schließen kann. Dies hat besondere Bedeutung bei der Wahl der therapeutischen Mittel und bei der Stellung der Prognose. Wobei vorweggenommen sein soll, dass die Prognosestellung immer sehr vorsichtig erfolgen soll, um nicht beim Besitzer den Eindruck zu erwecken, dass das betreffende Verhaltensproblem innerhalb weniger Tage zu lösen sei.

Erworbene Lerndisposition
Sie wird durch die Umstände bestimmt, unter denen der Hund aufgewachsen ist: Hat sich der Züchter und anschließend der Hundehalter während der Entwicklungsphasen sehr intensiv mit dem Tier beschäftigt und ihm eine abwechslungsreiche Umgebung verschafft, so darf man ein gutes Lernvermögen erwarten. Ist der Hund hingegen wenig beachtet worden, oder gar in einem Zwinger aufgewachsen, so darf man von verhaltenstherapeutischen Methoden, die auf Lernen basieren, weniger erwarten. Dass dem tatsächlich so ist, konnte mittels Untersuchungen an Ratten gezeigt werden: Tiere die isoliert aufwuchsen zeigten eine geringere Gehirnrindendicke als solche, die in einer sehr abwechslungsreichen Umwelt aufwuchsen. Hier muss bei der Erhebung der Anamnese versucht werden, möglichst viel Information über die Bedingungen zu erfahren, unter denen der Hund aufgewachsen ist.

Aktuelle Lerndisposition
Sie könnte salopp als die Tagesverfassung bezeichnet werden: U.a. bestimmen Gesundheitszustand, Hormone und Tageszeit die aktuelle Lerndisposition: Ein krankes Tier wird selbstverständlich weniger lernfähig sein als ein gesundes. Eine läufige Hündin wird wohl kaum neue Kommandos lernen. Ein Lern- oder Trainingsprogramm, das während der normalen Ruheperiode eines Hundes stattfindet, wird nur wenig Erfolg zeitigen. Dies bedeutet, dass der Verhaltenstherapeut in seinen Empfehlungen an den Tierbesitzer diese Faktoren berücksichtigen sollte.
Es wird eine Einteilung der Lernprozesse gegeben, in die verhaltenstherapeutisch relevanten Lernformen
hervorgehoben werde.

Lernähnliche Prozesse (a) und Lernen (b)
a)
Prägung: - Objektprägung
Motorische Prägung Habituation
b)
Lernen obligatorisches
fakultatives j
latentes Lerne kienästhetische Lernen
* Lernsituationen: Klassische Konditionierung

Operante Konditionierung
Unter den lernähnlichen Prozessen hat die Prägung keine therapeutische Bedeutung, da der Patient in einem Alter vorgestellt wird, in dem die sensible Phase (vgl. Prägungsphase) bereits abgeschlossen ist. Sie hat nur insofern Bedeutung, als in ihr bereits die Ursachen für spätere Verhaltensstörungen liegen können (z.B.: Angst oder Aggressivität gegenüber bzw. vor Menschen).

Habituation, Desensibilisierung
Große Bedeutung hat hingegen die Habituation oder Gewöhnung. In der Verhaltenstherapie wird sie in Form der "Desensibilisierung eingesetzt: Man versteht darunter das Gewöhnen an einen Reiz oder mehrere Reize, die Furcht hervorrufen. Das Grundprinzip besteht darin, dass man das Tier dem furchtauslösenden Reiz zunächst mit geringer Intensität aussetzt. Von Tag zu Tag steigert man die Reizstärke, bis sie der Intensität entspricht, mit welcher der Reiz normalerweise auftritt: Hat ein Hund z.B. Furcht vor Schussgeräuschen, so kann man einige Schussgeräusche auf Tonband aufnehmen und sie dem Tier von Tag zu Tag mit etwas größerer Lautstärke vorspielen. Man muss dabei aber sehr behutsam vorgehen. In manchen Fällen kann der Hund so furchtsam sein, dass sogar geringe Reizintensitäten Furchtreaktionen hervorrufen. In diesen Fällen ist man gezwungen, beruhigende Mittel einzusetzen, damit die Desensibilisierung überhaupt erst möglich wird. Diese Beruhigungsmittel dürfen aber keinesfalls das Lernvermögen beeinträchtigen, da ansonst die Desensibilisierung nicht möglich ist, sie stellt ja eine Form des Lernens dar. Im Allgemeinen erzielt man mit dieser Methode gute Erfolge, wenn das Tier nur Furcht vor ein oder zwei Reizqualitäten hat. Bei Angst vor Gewitter ist diese Methode weniger erfolgreich, da mit einem Gewitter eine Vielfalt von Reizen auftritt, die kaum nachgeahmt werden kann: Vor einem Gewitter kommt es zu starker elektrostatischer Aufladung der Luft, es treten Luftdruckschwankungen auf, durch den Blitz bedingte Lichterscheinungen, der Donner und damit verbundene Vibrationen des Bodens, sodass das Aufnehmen von Donner auf Tonband und Abspielen bei zunehmender Lautstärke, nur wenig Aussicht auf Erfolg hat. Löst eine Vielfalt von Reizen Furcht oder Angst aus, so kann man die normale Reizintensität und -qualität zur Desensibilisierung nützen, wenn man den Hund mit angstlösenden Mitteln behandelt. Die Medikamentengabe erfolgt mehrere Wochen hindurch, sodass das Tier lernen kann, dass es vor diesen Reizen keine Furcht haben muss. Anschließend wird die Tagesdosis des Mittels langsam verringert und schließlich wird es überhaupt nicht mehr verabreicht.

Operante oder Instrumentelle Konditionierung
Die beiden Fallbeispiele sollen einerseits zeigen, dass eine exakte Erhebung der Anamnese Voraussetzung für eine erfolgreiche Verhaltenstherapie ist und andererseits, dass die Desensibilisierung ein mächtiges Instrument bei der Behandlung von Furcht und Angst ist.
Das zweite Instrument ist die Operante oder Instrumentelle Konditionierung, die dem fakultativen Lernen zuzuordnen ist. Unter fakultativem Lernen, versteht man Lernen, welches nicht unbedingt für das Überleben eines Tieres notwendig ist. Das obligatorische Lernen ist hingegen für das Überleben notwendig. Durch dieses werden angeborene Verhaltensabläufe, z.B. wie Beutefangverhalten verfeinert und optimiert. Zum fakultativen (möglichen) Lernen zählen z.B. Lernprozesse im Rahmen der Dressur bzw. Abrichtung. Bei der Operanten Konditionierung wird ein bestimmtes Verhalten mit einer Belohnung verknüpft, wenn es erwünscht ist und mit einer Bestrafung, wenn es unerwünscht ist. In der Verhaltenstherapie wird diese Lernform meist als "Gegenkonditionierung" bezeichnet und verwendet. Hat z.B. ein Hund Angst vor einer bestimmten Situation, so kann man diese Situation mit etwas positiven verknüpfen. Setzt ein Hund eine unerwünschte Handlung, so kann man sie mit einer Bestrafung verknüpfen. Ist die Reaktion gegen Gegenstände gerichtet (Zerbeißen oder Benagen von Einrichtungsgegenständen) so bestraft man anonym. Bei der anonymen Bestrafung weiß das Tier nicht woher der Strafreiz kommt. Beginnt ein Hund wegzulaufen, um zu wildern, so kann man ihm eine kleinere Blechdose mit Schottersteinen oder ihm kleine Schottersteine direkt nachwerfen. Das Wesentliche dabei ist nicht das Zufügen eines Schmerzreizes sondern der Überraschungseffekt. Ist die unerwünschte Handlung hingegen gegen den Besitzer gerichtet, so wird man eine deklarierte Bestrafung anwenden, d.h. der Hund erkennt sehr wohl, von wem der Strafreiz stammt. Diese Form der Bestrafung ist z.B. bei Aggressivität gegenüber dem Besitzer angezeigt. Es sei hier nochmals erwähnt, dass weniger der Schmerz als die Überraschung von Bedeutung sind: Der Schlag mit einer zusammengerollten Zeitung ist nicht sehr schmerzhaft aber das damit verbundenen Getöse sehr erschreckend für den Hund. Eine wirksame Form der Bestrafung ist auch der abrupte Abbruch eines Spieles mit dem Hund und der Entzug von Aufmerksamkeit. Die bestrafende Wirksamkeit der Zuwendung wird oft unterschätzt: Bedenken Sie aber, dass die Nähe beim Ranghöchsten in einem Wolfsrudel enorm belohnenden Charakter hat. Man kann den belohnenden Effekt verstärken, indem man vorher die Zuwendung entzieht. Die Operante Konditionierung kann auch unerwünschte Verhaltensweisen bewirken oder verstärken: Beispiel: Ein Hund zeigt Angst vor Gewitter. Sie nehmen ihn hoch, sprechen beruhigend auf ihn ein, streicheln ihn und geben ihm Leckerbissen. Durch ihr Verhalten wird die Angstreaktion des Hundes belohnt und sie wird von mal zu mal stärker auftreten, da der Hund bei jeder dieser Angstreaktionen Zuwendung und Belohnung erfährt.

Klassische Konditionierung
Eine dritte wesentliche verhaltenstherapeutische Maßnahme ist die Klassische Konditionierung: Bei ihr wird ein ursprünglich neutraler Reiz mit einem reaktionsauslösendem verknüpft. Werden beide Reize mehrmals gemeinsam angeboten, so kann auch der neutrale Reiz die Reaktion auslösen. Man spricht dann von einem bedingten Reflex. In diesem Zusammenhang sei an die Untersuchungen Pawlows erinnert. Die klassische Konditionierung wird bei der Ausbildung von Hunden oft unbewusst verwendet. Wenn Sie einen Hund belohnen und dabei jedes mal das Wort "brav" sagen, so wird nach einiger Zeit das Wort "brav" allein belohnenden Charakter bekommen. Ebenso wird das Wort,,Pfui" oder "Aus" bestrafenden Charakter erlangen, wenn dieses Wort mehrmals mit einer tatsächlichen Bestrafung kombiniert wird. Die klassische Konditionierung kann auch unbeabsichtigt erfolgen und zu unangenehmen Effekten beim Tier führen: Ist bei einem Tierarztbesuch eine schmerzhafte Behandlung durchgeführt worden, so kann dadurch eine Angstreaktion konditioniert worden sein: Der Hund zeigt bereits beim Betreten der Ordination Angst, obwohl er noch gar nicht behandelt wird. Diese Angst kann sich in erhöhter Herz- und Atemfrequenz, Kot- und Harnabsatz äußern. Dies kann soweit gehen, dass bereits der Anblick einer Person in einem weißen Mantel Angst auslöst.
Eine besondere Form der klassischen Konditionierung ist die sogenannte sensorische Vorkonditionierung: Sind mehrmals, an sich neutrale Reize gemeinsam, miteinander aufgetreten, und wird dann auf einen hin ein bedingter Reflex ausgebildet, so kann auch der andere aufgrund der sensorischen Vorkonditionierung diese Reaktion auslösen. Der Hundebesitzer trägt zum Beispiel beim Autofahren immer eine bestimmte Bekleidung. Tierarztbesuche erledigt der Hundehalter gleichfalls mit dem Auto. Aufgrund einer sensorischen Vorkonditionierung zeigt der Hund Angst, sobald der Hundebesitzer diese Kleidung anzieht und wird eventuell auch Angst vor dem Autofahren haben.



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