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VERHALTENSSTÖRUNGEN
Einteilung der Verhaltensstörungen
Verhaltensabweichung: In der Folge wird darunter eine milde, geringgradige
Verhaltensstörung verstanden
Verhaltensstörungen:
A) Symptomatische Verhaltensstörungen
Dies sind Verhaltensstörungen, die Symptom einer anderen Erkrankung
sind. Das sogenannte Schlittenfahren des Hundes ist keine Verhaltensstörung
per se sondern u.a. Symptom eines Wurmbefalles oder einer Analbeuteldrüsenentzündung.
Das Schiefhalten des Kopfes kann Symptom einer Entzündung des Mittelohres
sein, Stubenunreinheit kann Folge einer Blasenentzündung sein, besondere
Geräuschempfindlichkeit kann Folge einer Entzündung des Mittelohres
sein usw. Hier sei nochmals betont, dass der Verhaltenstherapie eine gründliche
Untersuchung durch einen Tierarzt vorangehen soll.
B) Organpathologische Verhaltensstörungen
Sie sind durch krankhafte Prozesse im Zentralnervensystem bedingt sein:
So kann ein Tumor oder ein
entzündlicher Prozess der das limbische System betrifft Ursache von
Aggressivität ohne erkennbare äußere
Ursache sein (das limbische System ist eine Struktur des Gehirnes, die
u.a. mit der affektiven Tönung des
Verhaltens, also mit Emotionen und Aggressivität zu tun hat). Ein
schmerzhafter Prozess im Bereich der
Wirbelsäule, z.B. eine Nervenwurzelentzündung kann Ursache dafür
sein, dass der Hund den Besitzer beißt,
wenn er diese Stelle beim streicheln oder Bürsten berührt. Eine
nicht erkannte und übergangene Staupe
(zentralnervale Form) kann, wie aus eigener Anschauung bekannt, zu Ängstlichkeit
führen. Bei Verdacht auf
organpathologische Veränderungen sollte eine eingehende neurologische
Untersuchung durch einen
entsprechenden Fachtierarzt erfolgen.
C) Nicht organpathologisch bedingte Verhaltensstörungen
1.) Endogen (durch innere Ursachen) bedingte Verhaltensstörungen
a)endogen bedingte Psychosen: Sie werden vereinfacht ausgedrückt
durch Entgleisungen des Gehirnstoffwechsels verursacht. Beispiele aus
der Humanpsychiatrie sind die endogenen Depressionen und die Schizophrenie.
Dabei versteht man unter "Depression" aber nicht einfach Traurigsein,
sondern auch die eingeschränkte Teilnahme an der Umwelt. Ob Schizophrenie
beim Hund vorkommt ist unklar, wird aber von manchen Autoren vermutet.
Sie könnte periodisch auftretende Verhaltensveränderungen erklären.
b): Neurasthenie: Darunter versteht man eine "Nervenschwäche".
Beim Hund spricht man richtiger von Wesensschwäche: Die Tiere sind
psychisch wenig belastbar, sind ängstlich und reagieren oft übertrieben
in Situationen die einen anderen Hund kaum zu einer Reaktion veranlassen.
2.) Exogen (durch äußere Ursachen) bedingte Verhaltensstörungen
a) Nicht psychisch bedingt: Als Außenfaktoren kommen Gifte und
Klima in Frage. Durch extreme
Hitzeeinwirkung kann es u.a. zu Bewusstlosigkeit kommen. Durch verschiedene
Pflanzen- und
Saatgutschutzmittel können Krämpfe und Erbrechen auftreten.
b) Psychoreaktive Verhaltensstörungen
Zu ihnen gehören Störungen ("früherworbene"),
die durch falsche Umweltbedingungen während der Prägungs und
Sozialisierungsphase bestanden haben. Die daraus resultierende Problematik
wurde bereits oben besprochen. Störungen die auf momentane Reizsituationen
zurückgeführt werden können bezeichnet man als aktualreaktiv.
Dazu gehören z.B. Ersatzhandlungen und Leerlaufhandlungen: Hatte
ein Rüde z.B. längere Zeit nicht Gelegenheit zum Sexualverkehr,
so kann aktualreaktiv Masturbation oder das Aufreiten auf ungeeigneten
Objekten auftreten. Residualreaktiv bezeichnet man eine Störung dann,
wenn sie weiterbesteht, obwohl die die Verhaltensstörung auslösende
Situation nicht mehr besteht. Das bekannteste Beispiel sind Bewegungsstereotypien:
Hunde, die lange Zeit in Zwingern gehalten werden, entwickeln oft typische
Bewegungsmuster, z.B. das Entlanglaufen entlang einer Käfiggitterwand,
oder das Laufen von Achterschleifen. Verbringt man ein solches Tier in
einen weitaus größeren Zwinger, so wird manchmal dieses Bewegungsmuster
beibehalten, obwohl das Raumangebot durchaus andere Laufmuster zuließe.
Es liegt also eine residualreaktive Bewegungsstörung, nämlich
eine Stereotypie vor.
c). Technoapathien: Darunter versteht man Verhaltensstörungen, die
durch die technischen Einrichtungen der Tierhaltungssysteme verursacht
werden, Beim Haushund sind sie wohl von untergeordneter Bedeutung.
Aggressivität
Bei der Aggressivität werden verschiedene Formen unterschieden, die
kurz aufgezählt werden:
o Rivalisierende Aggressivität
o Aggressivität unter Rüden
o Angstbedingte Aggressivität
o Schmerzbedingte Aggressivität
o Territoriale Aggressivität
o Beutefangverhaltenbedingte Aggressivität
o Antrainierte Aggressivität
o Krankheitsbedingte Aggressivität
Aggressionsauslösende Faktoren
o Prägung, Sozialisierung: Hatten die Welpen in der 4. bis 12. Lebenswoche
wenig Kontakt mit Erwachsenen
und Kindern, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die so aufgewachsenen
Welpen aggressiv gegenüber
Artgenossen und Menschen sind
o Genetische Faktoren: Aus dem ursprünglichen Verwendungszweck der
einzelnen Rassen, kann abgeschätzt
werden, ob die betreffende Rasse eine geringe Aggressionsschwelle hat.
Terrier sind Erdhunde. Sie werden
in den Fuchs- oder Dachsbau geschickt, um den Fuchs herauszutreiben. Dafür
bedarf es eines sehr
kampffreudigen und mutigen Hundes. So darf es nicht wundem, dass die Aggressivität
bei diesen Rassen
ausgeprägt ist und dass sie einer intensiven Erziehung bedürfen.
o Geschlecht: Rüden sind allgemein aggressiver als Hündinnen.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass die
Aggressivität beim Rüden auf jeden Fall durch Kastration behebbar
ist
o Erkrankungen des Gehirnes, z.B. Tumore, herzförmige Prozesse im
Gehirn, die nicht zu epileptiformen
Krämpfen sondern zu anfallsweiser Aggressivität fuhren. Schmerzhafte
Erkrankungen (vgl. oben) können die
Aggressionsschwelle senken. Schlechte Sehkraft kann bewirken, dass der
Besitzer oder ein Familienmitglied
in der Entfernung nicht erkannt und verbellt wird.
Anamnese
Gerade bei der Aggression des Hundes gegenüber Artgenossen und/oder
Menschen, soll man unbedingt versuchen herauszufinden, welche Einstellung
man zur Aggressivität seines Hundes hat: Imponiert es insgeheim,
dass der Hund keine Angst veränderten Hunden und auch nicht vor Menschen
hat. Dies führt einerseits dazu, dass man oft nur sehr halbherzig
die Aggression untersagt, insbesondere, wenn sie sich gegen andere Hunde
richtet. Andererseits sind Hunde Kenner der Körpersprache des Menschen
und merken sehr rasch, wenn sozusagen die Körpersprache nicht zum
Kommando passt. Es wird dem Leser nicht entgangen sein, dass man bei manchen
Menschen schon, ohne den Hund gesehen zu haben, abschätzen kann,
welche Hunderasse der betreffende hat. Auch sollte abgeklärt werden,
ob es sich um eine antrainierte Aggressivität handelt.
Aggressivität gegenüber dem Menschen Rangordnungsbezogene Aggressivität:
Der Hund betrachtet den Besitzer und dessen Familie als Rudel. Gemäß
seinem natürlichen Verhalten versucht
er die höchste Stelle in der Rangordnung einzunehmen. Besonders kritisch
ist die Situation, wenn der Hund in
der Sozialisierungs- und Rangordnungsphase "Narrenfreiheit"
hatte. Oft tritt diese Form der Aggressivität bei
Hunden auf denen die Hundehalter weder physisch noch psychisch gewachsen
sind. In dem letztgenannten Fall
wird sich kaum ein aussichtsreiches Trainingsprogramm gestalten lassen.
Bei der Erhebung der Anamnese muss man versuchen herauszubekommen, welche
Stellung der Hund innerhalb
der Familie bezüglich der Rangordnung einnimmt.
Gegenüber wem ist er aggressiv?
Wie äußert sich die Aggressivität,
Seit wann (Geschlechtsreife?) tritt sie auf?
Hat sie sich stetig oder innerhalb kurzer Zeit (Gehirntumor?)entwickelt?
Tritt sie immer auf oder anfallsweise (epilepsieähnliche Form)?
Wer gibt dem Hund Futter (nur der Rangniedere gibt sein Futter her)?
Betritt der Hund als erster fremde Räume?
Aggressivität gegenüber Kindern
Ursachen:
a) Manche Hundebesitzer vernachlässigen ihren Hund, sobald sie Eltern
geworden sind. Somit verbindet der
Hund die Anwesenheit des Kindes mit dem negativen Erlebnis, nicht beachtet
zu werden.
b) Eine weitere Ursache kann in einer mangelhaften Prägungs- und
Sozialisierungsphase liegen: Der Hund hatte während dieser Phase
keinerlei Kontakt mit Kindern.
c) Der Hund hatte negative Erlebnisse mit einem Kind: Kinder behandeln
Tiere oft wie Spielzeug und gehen
ohne Absicht manchmal grob mit dem Hund um.
d) Kinder, die weglaufen, schreien und womöglich hinfallen, können
das Beutefangverhalten des Hundes
auslösen. Einige Unfälle mit tödlichem Ausgang sind auf
diese Weise erklärbar.
ad a)
Im Sinne einer Gegenkonditionierung muss versucht werden den Reiz "Kind"
mit etwas positiven zu verknüpfen: Bei Abwesenheit des Kindes sollte
man den Hund wenig beachten ihn jedoch bei Anwesenheit des Kindes vermehrt
Zuwendung zuteil werden lassen.
ad b)
Die Prägung und Sozialisierung ist schwer bzw. Überhaupt nicht
mehr nachholbar. Man kann nur versuchen, ähnlich wie oben mit Gegenkonditionierung
zu arbeiten. Zumindest sollte jedoch erreicht werden, dass der Hund gut
ausgebildet wird, sodass er auf Kommando beim Besitzer bleibt und sich
nicht Kindern annähert.
ade)
In diesem Fall wird die Gegenkonditionierung erfolgreicher sein als bei
mangelnder Sozialisierung.
ad d)
Diese Fälle sind zwar selten, haben aber gravierende Folgen. Eine
vorbeugende Maßnahme kann nur darin bestehen, dass man den Hund
konsequent auf Gehorsam abrichtet. Ausgeschlossen können solche Vorfälle
nicht werden. Insbesondere wenn man einen großen Hund hat, sollte
man in Bereichen, in denen sich Kinder aufhalten (Spielwiesen in Parks
u. dgl.), den Hund an der Leine fuhren. Dies ist auch in den meisten Ländern
durch Gesetz oder Verordnung vorgeschrieben.
Angstbedingte Aggression
Sie kann durch ein einmaliges traumatisches Erlebnis bedingt sein: Ist
z.B. ein Hund einmal von einem größeren Hund einer bestimmten
Rasse, angegriffen und verletzt worden, so kann er in Hinkunft Angst vor
Hunden dieser Rasse zeigen und diese Angst kann, wenn der Hund in seiner
Fluchtmöglichkeit behindert ist, z.B. dadurch, dass er angeleint
ist, in Aggression umschlagen. Aufgrund solcher Erlebnisse kann auch Angst
und Angstbeißen gegenüber bestimmten Personen oder Personengruppen
auftreten.
Die Training kann darin bestehen, dem Hund zu lernen, dass er vor dieser
Hunderasse oder Personengruppe keine Angst haben muss:
Man sucht z.B. einen Hund der betreffenden Rasse, der besonders gutmütig
ist und nähert sich diesem mit dem ängstlichen Hund vorsichtig.
Dies muss mehrerer Tage erfolgen, um eine entsprechende Desensibilisierung
zu bewirken.
Ein besonderer Fall von Aggressivität ist die gegenüber in der
Bewegung behinderter Personen: Personen die z.B. gehbehindert sind oder
große Taschen oder Säcke tragen, lösen beim Hund Angst
aus, die in Aggression übergehen kann.
Territoriale Aggressivität
Einer der Gründe für die Domestikation war sicherlich das Territorialverhalten
des Hundes und die damit verbundene Eigenschaft, zu melden, wenn sich
fremde Menschen oder Tiere diesem Territorium nähern, und sie zu
vertreiben, wenn sie das Territorium verletzen. Alles Eigenschaften, die
man von einem Wachhund erwartet. Hunde sehen sehr bald einen bestimmten
Raum oder Bereich als ihr Territorium an und verteidigen dieses. Ein Hund,
der häufig vom Besitzer mit dem Auto mitgenommen wird, sieht dieses
bald als eines seiner Territorien an und verteidigt es gegenüber
Personen, die der Besitzer zum Mitfahren einlädt. Liegt ein Hund
in einem Restaurant unter dem Tisch, so kann er unter Umständen auch
diesen kleinen Bereich als Territorium "besetzen" und Personen,
die unabsichtlich dieses Territorium verletzen, anknurren oder gar nach
ihnen beißen. Garten und Wohnung werden nahezu immer als Territorium
angesehen. Ein typisches Beispiel ist die Aggressivität gegenüber
Postboten: Der Postbote ist jemand, der häufig in das Territorium
eindringt und es oft so schnell verlässt, dass der Hund keine Gelegenheit
hat seine territoriale Aggression auszuleben. Er wartet sozusagen, bis
sich endlich eine Gelegenheit ergibt, den unliebsamen Eindringling zu
zeigen, wer "Herr im Haus" ist. Interessanterweise sind Postboten,
die diesen Dienst nur gelegentlich ausüben häufiger betroffen
als solche, die dies hauptberuflich tun. Dies dürfte damit zusammenhängen,
dass sich Aushilfspostboten unsicherer benehmen. Hunde als scharfe Beobachter
erkennen die Unsicherheit und sehen ein "Objekt", das ohne großen
Aufwand vertrieben werden kann, und dass auch wenig Gegenwehr bei einem
Angriff zu erwarten ist. Somit kann die territoriale Aggressivität
nicht unbedingt als Verhaltensstörung sondern auch als unerwünschtes
Normalverhalten gesehen werden. Da diese territoriale Aggressivität
eine Reihe von Problemen für den Besitzer mit sich bringen kann,
ist sie auch oft Gegenstand einer Behandlung. Maßnahmen
Da das territoriale Verhalten bei dominanten Tieren besonders stark ausgeprägt
ist, empfiehlt es sich zunächst, durch Ausbildung und Unterordnungsübungen
die Rangordnung sicherzustellen. Von manchen Autoren wird empfohlen, den
Hund zu bestrafen, sobald er territoriale Aggressivität zeigt. Ferner
wird empfohlen, dem Hund vollkommen die Aufmerksamkeit zu entziehen, sodass
Fremde die einzige Kontaktmöglichkeit darstellen. Diese Vorgangsweise
wird nur selten zum Erfolg führen, da die wenigsten Hundebesitzer
fähig sind, ihren Hund ein oder zwei Wochen überhaupt nicht
zu beachten. Folgender Stufenplan ist zielführend:
a) Sicherung der Dominanz des Besitzers durch Abrichtung und Unterordnungsübungen.
b) Desensibilisierung des Hundes: Man sucht mit dem Hund einen Teil des
Territoriums auf, den er weniger stark verteidigt. Dort wird dem Hund
"sitz" befohlen und man ersucht einen befreundeten Helfer, sich
dem Hund zu nähern. Solange sich der Hund ruhig verhält wird
er belohnt (verbal und durch Streicheln). Sobald er unruhig wird, wird
das Kommando erneuert. Dies wiederholt sich so lange, bis er das Kommando
nicht mehr befolgt. Ist dies der Fall, entfernt der Besitzer den angeleinten
Hund und bestraft ihn durch Nicht - Beachten. Bei dieser Vorgangsweise
sollte sich der Helfer Tag für Tag dem Hund mehr nähern können.
c) Ist eine weitgehende Annäherung des Fremden ohne Zeichen von Aggression
möglich, so kann man zu einer Gegenkonditionierung übergehen:
Man vereinbart mit dem Helfer einen Besuchstermin. Etwa einen Halbe Stunde
vor dem vereinbarten Termin, entzieht man dem Hund die Aufmerksamkeit.
Sobald der Besucher anwesend ist, wird dem Hund wieder vermehrt Aufmerksamkeit
geschenkt. Später soll die erste Beachtung des Hundes nicht durch
den Besitzer sondern durch den Besucher erfolgen. Dadurch wird erreicht,
dass der anfangs negative Reiz ,3esucher" mit positiven Eindrücken
verknüpft wird.
Schmerzbedingte Aggression
Der erste Schritt wird in einer eingehenden klinisch-neurologischen Untersuchung
durch einen Tierarzt bestehen müssen, dem als weiterer Schritt eine
entsprechende Therapie folgen muss. Oft ist aber auch nach Behebung der
schmerzauslösenden Prozesse noch die aggressive Verhaltensweise bei
Berühren der vormals schmerzhaften Stelle vorhanden. In diesem Fall
wird eine Verhaltenstherapie angezeigt sein. Das Mittel der Wahl ist die
Desensibilisierung. Der Besitzer soll den Hund zunächst durch gutes
Zusprechen beruhigen, das Angreifen nur andeuten und loben, solange der
Hund nicht reagiert. Das Andeuten soll nun in tatsächliches Berühren
übergehen. Dies kann auch mit einer Gegenkonditionierung verknüpft
werden, indem man den Hund belohnt, während man ihn berührt.
Ist die Angst vor der Berührung auf eine Körperstelle lokalisiert,
so kann man den Hund zunächst entfernt davon berühren und sich
von Tag zu Tag näher an die ehemals schmerzempfindliche Stelle herantasten.
Vor allem bei älteren Tieren und wenn der schmerzhafte Prozess lange
Zeit bestanden hat, ist sehr viel Geduld seitens des Tierbesitzers erforderlich.
Bei sehr verängstigten Tieren (z.B. infolge langwieriger, schmerzhafter
Therapie) ist eventuell zu Beginn Der Desensibilisierung eine psychopharmakologische
Angstlösung angezeigt. Die Medikation soll selbstverständlich
nach erfolgreicher Desensibilisierung (und Gegenkonditionierung) wieder
abgesetzt werden.
Aggressivität ohne erkennbare Ursache
In diesen Fällen ist eine Verhaltenstherapie erst dann angezeigt,
wenn klinisch-neurologische Ursachen ausgeschlossen sind. Hat die Untersuchung
keinerlei Hinweise auf organische Erkrankungen ergeben, so ist nochmals
eingehend die Anamnese zu erheben. Man muss jetzt daran denken, dass man
bei der ersten Besprechung vielleicht etwas vergessen hat oder, dass ein
Vorfall stattgefunden hat, der einem verschwiegen wurde. Vielleicht ist
der Hund bei Bekannten, Freunden oder in einer Tierpension gewesen und
wurde dort misshandelt. Eventuell hat ein Familienmitglied oder Partner,
welcher(es) den Hund nicht mag (Eifersucht?) den Hund geschlagen. Der
Hund sollte jedenfalls nochmals auf alte Narben im Kopf- und Rückenbereich
sorgfältig untersucht werden. Ob der Hund geschlagen wurde, kann
man mit einem einfachen Test prüfen. Man nimmt einen Stock, Leine
oder Hundepeitsche, holt mit der Hand zum Schlag aus und beobachtet, wie
der Hund reagiert: Zeigt er Furchtreaktion oder springt gar nach der erhobenen
Hand (Vorsicht!!), so kann man mit. ziemlicher Sicherheit annehmen, dass
der Hund geschlagen worden war. Da unter Umständen der Partner oder
ein Familienmitglied den Hund geschlagen hatte, muss man beim weiteren
Gespräch mit großem Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl
vorgehen. In manchen Fällen wird es vernünftig sein, diesen
Verdacht für sich zu behalten und im Sinne einer Gegenkonditionierung
und Desensibilisierung vorzugehen.
Aggressivität gegenüber Hunden
a) Hunde im gleichen Haushalt
Werden zwei oder mehrere Hunde gehalten so spielt sich unter diesen normalerweise
eine Rangordnung ein. In der Natur des Menschen liegt es den Rangniederen
zu bevorzugen. Dies entspricht aber nicht den normalen Verhältnissen
in einem Rudel: Nach dem Alpha-Rüden hat der Beta-Rüde die meisten
Vorzüge und so fort. Bei der Haltung von Hunden muss diese Rangordnung
berücksichtigt werden. Ein grober Fehler ist es, den Rangniederen
zu bevorzugen oder gar den Ranghöheren zu bestrafen, wenn er den
Rangniederen z.B. von einem besonderen Leckerbissen wegtreibt. Auch keine
Lösung ist es, die Hunde getrennt zu halten. Bei einem späteren
Zusammenführen der Hunde oder zufälligem Zusammentreffen ist
wieder das alte Problem vorhanden, vielleicht in noch krasserer Form.
Schon mehrmals wurde erwähnt, dass die Nähe beim Rudelführer,
also beim Menschen, starken belohnenden Charakter hat. Auch im Wolfsrudel
wird ein Rangniederes Tier vom zweiten in der Rangordnung vom Alpha-Tier
weggetrieben, wenn es sich dazwischen drängen will. D.h. der Hundehalter
sollte, wenn er einen von seinen Hunden zu Hause lassen muss nie den Alpha-Hund
zurücklassen. Die Aggressivität ist auch oft höher, wenn
der Besitzer anwesend ist. Unterdrückt er den Alpha-Hund, so muss
man damit rechnen, dass es bei Abwesenheit des Hundehalters zum Kampf
kommt. Die Rangordnung muss auch bei der Zuwendung und Fütterung
Berücksichtigung finden. Manche Hundebesitzer fragen oft "Ist
der Hund nicht unglücklich, wenn er der Letzte in der Rangordnung
ist?". Diese Frage kann verneint werden: Belastender und mit mehr
Stress verbunden ist eine unklare Rangordnung. Ist die Rangordnung unklar
und wünscht der Besitzer, dass Hund A über Hund B dominieren
soll, so muss er die Rangordnung unterstützen, indem er besonders
betont A als Alpha und B als Beta-Hund behandelt. In schweren Fällen
kann man versuchen, beide Hunde für ca. Eine Woche pharmakologisch
ruhig zu stellen. Auch die Kastration des für die Rolle des Rangniederen
vorgesehenen Hundes kann zum Erfolg fuhren. Bevor man die Kastration durchführt,
sollte man ihre Erfolgschancen durch eine hormonelle Kastration abklären.
Kommt ein Hund neu in einen Haushalt, in dem bereits ein anderer gehalten
wird, so ist zunächst der alteingesessene in der Rangordnung höher.
Hat man bereits einen Hund einer kleinwüchsigen Rasse, so sollte
man keineswegs einen Welpen einer großwüchsigen Rasse kaufen.
b) Unter fremden Rüden
Es gibt Rüden, die jeden anderen angreifen, egal wie groß er
ist. Dies bedeutet für kleine aggressive Hunde eine laufende Gefährdung.
Für den "Besitzer bedeutet es, dass er den Hund nicht oder nur
selten ohne Leine laufen lassen kann und dauernd aufpassen muss, ob sich
nicht ein Rüde nähert.
Maßnahmen: Hormonelle und später eventuell chirurgische Kastration,
wenn die Hormontherapie einen Erfolg
mit sich brachte.
Ist der Hund nur gegen einen bestimmten anderen Rüden, oder gegen
Rüden einer besonderen Rasse aggressiv,so kann man im Sinne einer
Gegenkonditionierung vorgehen: Man bittet den Besitzer des "Erbfeindes"
sich langsam zu nähern. Der Problemhund sitzt und wird belohnt solange
er sich ruhig verhält. Ist er gegenüber allen Rüden egal
welcher Art aggressiv, so muss man die Desensibilisierung mit Rüden
verschiedener Rassen durchführen. Begleitend wird eine Ausbildung
des Hundes, die besonderen Wert auf Unterordnung legt, sinnvoll sein.
Aggressivität aus dem Beutefangverhalten heraus
Davon können Kinder, Erwachsen (Radfahrer, Jogger) kleine Hunde und
Wild betroffen sein. Typisch dafür ist, dass ohne Vorwarnung losgehetzt
bzw. Gebissen wird. Es wäre ja auch nicht sinnvoll, wenn ein Hund
z.B. einen Hasen vorher anknurrte oder verbellte, bevor er ihm nachjagt.
Ursachen: Im Verlauf der Domestikation werden die angeborenen Auslösemechanismen
immer unspezifischer,
d.h. durch eine größere Anzahl von Reizformen auslösbar
als bei der Wildform, in unserem Fall beim Wolf.
Daraus ist auch erklärbar, warum manche Hunde großen Kraftfahrzeugen
hinterher jagen. Kleinkinder sind manchmal Opfer der Beuteaggression:
Vor allem beim Übergang von Krabbeln zum gehen,können Hunde
das Kind nur schwer einordnen. Insbesondere, wenn Kinder schreiend weglaufen,
hinfallen und dann herumstrampeln, fallen sie sehr leicht in das Schema
eines Beutetieres. Besonders gefährlich wird die Situation, wenn
mehrere Hund gemeinsam spielen, also ein Rudel bilden und dann gemeinsam
Beutefangverhalten gegenüber Kindern auslösen. Jogger und Radfahrer
sind wahrscheinlich als ,Beute" attraktiv, da sie sich rasch vom
Hund weg bewegen: Objekte. Die sich quer zum Hund oder sich von ihm weg
bewegen lösen Beute fang verhalten aus. Beutefangverhalten ist an
sich Normalverhalten. Es ist meist unerwünscht und kann abnorm gesteigert
sein. Hat ein Hund einmal erfolgreich gejagt, so ist ihm das Wildem kaum
abzugewöhnen.
Maßnahmen
Man wird ähnlich wie bei der Behandlung des Territorialverhaltens
mit Desensibilisierung und Gegenkonditionierung vorgehen. Die Gegenkonditionierung
kann hier z.B. so vorgenommen werden, dass man neben dem Hund eine mit
Schottersteinen gefüllte Blechdose fallen lässt, sobald er zur
Jagd ansetzt, oder ihm diese nachwirft, wobei er nicht getroffen werden
muss. Gleichfalls käme auch eine lange Leine in Frage, in die man
ihn hineinlaufen lässt. Der momentane starke und überraschende
Ruck am Halsband hat bestrafenden Charakter. Damit der Besitzer die Notwendigkeit
eines energischen Eingreifens einsieht, sollte man ihn drastisch auf die
zivil- und strafrechtlichen Folgen aufmerksam machen, die aus diesem Verhalten
seines Hundes erwachsen können: Verletzung von Personen, Auslösung
von Unfällen (Sturz eines Radfahrers, ein Autofahrer möchte
einem hinter einem anderen Fahrzeug nachjagenden Hund ausweichen und verursacht
einen Unfall usw.).
Gesteigerte Erregbarkeit
Allgemein gesteigerte Erregbarkeit
Man versteht darunter eine gegenüber der statistischen Norm gesteigerte
emotionale Erregbarkeit.
Prinzipiell, können wir wie beim Menschen zwei Formen unterscheiden:
Beim introvertierten Tier hat sie Furcht und Angst zur Folge.
Beim extrovertierten Tier hat sie gesteigerte Aktivität zur Folge.
Ursachen
a) genetisch
b) Jugenderfahrung z.B. Überforderung des Junghundes durch zu intensives
Training . Auch Proteinmangelernährung beim Welpen wird als Ursache
diskutiert.
c) gesteigerte Erregbarkeit des Muttertieres
d) Beziehungsarme Umgebung
e) Spätere ungünstige Erfahrungen (z.B. Hund wurde ausgesetzt
und/oder war längere Zeit in einem Tierheim)
f) Sind Sie oder Familienmitglieder leicht aus der Fassung zu bringen
oder ängstlich?
g) Inkonsequente Behandlung des Hundes
Anamnese
Bei der Erhebung der Anamnese sollte man versuchen, insbesondere über
die oben genannten Punkte
Informationen zu erhalten bzw. überlegen:
Ist etwas bekannt über die Wurfgeschwister und das Muttertier?
Stammt der Hund von einem Züchter, der sehr abgeschieden wohnte?
War der Hund in die Familie des Züchters integriert?
War der Hund schweren Belastungen ausgesetzt (z.B.: Erkrankungen mit langwieriger
schmerzhafter Therapie) ?
Macht man selbst einen ängstlichen oder sehr erregten Eindruck?
Geht es oft laut in ihrer Familie zu und gibt es oft lautstarke Auseinandersetzungen?
Behandeln alle Familienmitglieder den Hund in der gleichen Weise?
Maßnahmen
Ruhe verschaffen
Desensibilisierung
Das wichtigste wird sein, dem Hund zunächst Ruhe zu verschaffen.
Wenn in einer Familie oder zwischen Partnern oft gestritten wird, so belastet
dies oft das Tier, insbesondere wenn es noch nicht erwachsen ist. Sehr
oft werden Streitigkeiten über das Tier ausgetragen: Der Hund hat
etwas angestellt, sie schimpft ihn aus und er bedauert den Hund und streichelt
ihn. Der Hund wird in eine Konfliktsituation gebracht: Ein- und dasselbe
Verhalten wird einmal belohnt und einmal bestraft. Leicht erregbare Hundehalter
reagieren oft selbst auf ein und dasselbe Verhalten unterschiedlich: Einmal
wird der Hund wegen seiner Zutraulichkeit und dafür, dass er auf
Schritt und Tritt folgt gelobt, das andere Mal wird er vertrieben, weil
der Hundehalter sich gerade geärgert hat und ihm das Nachfolgen des
Hundes "auf die Nerven geht". Häufig sind Frauen gegenüber
dem Hund sehr konsequent und beschäftigen sich häufig mit ihm,
falls sie nicht berufstätig sind. Der Mann kommt abends nach der
Arbeit nach Hause und möchte sich jetzt beim Hund beliebt manchen
und vielleicht seine Partnerin sogar etwas ärgern, indem er dem Hund
jetzt alles angehen lässt: Er darf sich zu ihm auf die Couch setzen,
wird vom Tisch gefuttert. Es passiert also all das, was der Hund sonst
nicht darf. Abgesehen davon, dass der Hund dadurch verunsichert wird,
sinkt der Mann in der Rangordnung häufig unter den Hund ab. Diese
Inkonsequenz kann wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Partnern
führen, was wiederum den Hund belastet. Versetzen Sie sich in die
Lage eines solchen Hundes, und Sie werden verstehen, dass solch ein Tier
enormen psychischen Belastungen ausgesetzt ist.
Manche Hunde haben sogar oft mehrere Bezugspersonen und Domizile: Unter
der Woche sind manche Hunde bei den Eltern, am Wochenende oder abends
werden sie abgeholt und wohnen bei "ihren" berufstätigen
Besitzern. Die Eltern der Hundehalter verhalten sich dem Hund gegenüber
wieder anders als die Hundehalter selbst.
Mit den obigen Bemerkungen wollte ich verdeutlichen, dass in der Regel
alle Personen ihr Verhalten gegenüber dem Hund überdenken und
neu gestalten müssen, bevor eine Besserung des Hundeverhaltens zustande
kommen kann.
Wie verschafft man dem Hund Ruhe? Ihr Hund ist momentan in einer psychisch
schlechten Verfassung. Sie müssen in den nächsten Wochen darauf
achten, dass es möglichst ruhig in seiner Umgebung ist, und sprechen
sie in der nächsten Zeit nicht allzu laut. Sie müssen ihm auch
mehr Sicherheit schaffen, indem sie ihn alle in der gleichen Art und Weise
behandeln. Überlegen sie gemeinsam, was sie ihrem Hund erlauben und
was nicht. Überreagiert der Hund auf eine Vielfalt von Reizen, so
wird eine Desensibilisierung nicht möglich sein, da Sie Reiz für
Reiz desensibilisieren müssten.
Erregbarkeit durch bestimmte Geräusche
Die Geräusche auf Tonband aufnehmen. Den Hund zum Sitzen bringen,
ihn beruhigend streicheln und das Geräusch bei geringer Lautstärke
vorspielen. Sobald er Erregung zeigt, das Tonband abschalten und die Aufmerksamkeit
für mindestens 15-30 Minuten entziehen. Dies mehrmals (3-4 x) am
Tag durchführen.
Erregung in bestimmten Situationen
Erregung bei Besuchern
Sie äußert sich in überschwänglichen Begrüßen,
Verbellen des Besuchers, aufgeregtem Herumrennen oder Angst vor dem Besucher.
Ursachen: Der Hund ordnet den Besucher entweder unter Rudelmitglied oder
Eindringling ein. Je nach Veranlagung zeigt er die oben beschriebenen
Reaktionen. Jede von Ihnen ist sowohl für Besucher als auch für
den Gastgeber unangenehm. Sowohl bei übertriebener Begrüßung
durch den Hund als auch bei Angst ist Desensibilisierung das Mittel der
Wahl.
Erregung beim Autofahren
Eine gesteigerte Erregbarkeit eines Hundes stellt beim Autofahren ein
Unfallrisiko dar, da das Herumspringen des Hundes im Auto den Lenker beeinträchtigen
kann. Oft kann man auch Bellen, Speichern, Hecheln und Kauen an der Innenausstattung
des Fahrzeuges beobachten.
Ursachen
a) Bewegung des Fahrzeuges und das Motorengeräusch (Der Hund sollte
bereits in der Sozialisierungsphase im Auto mitgenommen werden).
b) Frustration: Der Hund sieht interessante Dinge (Hunde und andere Tiere),
die er nicht erreichen kann.
c) Aufgrund einer klassischen Konditionierung verbindet er Auto mit Sehen
von etwas Neuem und schließlich
mit Spaziergang. Bei längeren Fahrten ist die Verzögerung von
Spazieren gehen zu groß und aufgrund der
steigenden Erwartungshaltung steigert sich auch gleichzeitig die Erregbarkeit.
d) Unterbricht der Hundehalter die Fahrt, sobald der Hund unruhig wird
und bellt, so belohnt er dieses
Verhalten und es wird immer häufiger auftreten.
Maßnahmen:
a) Desensibilisieren: Beginnt der Hund zu Bellen, sobald sein Herr einsteigt,
sollte man gemeinsam mit ihm einsteigen und ihn loben solange er sich
ruhig verhält. Anschließen wird der Motor angelassen und stehen
geblieben. Der Hund wird wieder gelobt, solange er sich ruhig verhält.
Wenn die Intervalle des Motor- laufenlassens aufgrund der Desensibilisierung
ausreichend lang geworden sind, werden kurze Autofahrten unternommen und
keinesfalls wird mit dem Hund spazieren gegangen, wenn der Hund zu bellen
beginnt. Im Gegenteil: Fahrt unterbrechen und warten bis sich der Hund
beruhigt hat. Der Hund muss auf diese Weise lernen, dass nicht jede Autofahrt
mit einem Spaziergang endet, sondern manchmal auch dort wo sie begonnen
hat, nämlich in der Garage.
b) Es sei hier bemerkt, dass manche Hunde nur in bestimmten Autotypen
Angstreaktionen und dies wieder nur bei bestimmten Geschwindigkeiten.
Man kann vermuten, dass dies mit Vibrationen zusammenhängt die in
bestimmten Geschwindigkeitsbereichen auftreten. Infraschall (das ist Schall,
dessen Frequenz unter dem hörbaren Bereich liegt) kann vegetative
Symptome wie Erbrechen auslösen. Auch ist daran zu denken, dass eventuell
eine Ultraschallbelastung zustande kommt (Ultraschall hat eine Frequenz
über 20 kHz und kann vom Menschen nicht mehr, sehr wohl aber vom
Hund wahrgenommen werden). Ultraschall entsteht u.a. bei Motoren mit hoher
Drehzahl und bei Klimageräten.
Erregung bei Abwesenheit des Besitzers
In Edinburgh wurden vor Einführung einer tierpsychologischen Beratungsstelle
30 % der euthanasierten Hunde eingeschläfert, da sie Gegenstände
in Abwesenheit des Besitzer zerstört hatten. Dies sei vorweggenommen
um die Bedeutung dieses Problems zu unterstreichen.
Die Hunde heulen, bellen, zerkratzen und zerbeißen Gegenstände
und richten einerseits beträchtlichen Schaden an, andererseits kann
es zu Anzeigen wegen Ruhestörung kommen.
Ursachen
Aufregung über Verlust des Rudelführers. Der Hund weiß
ja nicht ob sein Besitzer wieder zurückkehrt.
Zerkratzen und Zerbeißen tritt als Übersprungshandlung auf.
Unter Übersprungshandlung, versteht man, dass von einem Verhaltens-
oder Funktionskreis in einen anderen "übergesprungen" wird,
der mit der momentanen Situation nichts zu tun hat: Vom Suchen nach dem
Rudelführer wird in den Verhaltenskreis Ruheverhalten (z.B. Graben
einer Schlafgrube auf einem Ledersofa) oder Beutefangverhalten (Zerteilen
eines Beutetieres am Ersatzobjekt Ledertasche) "übergesprungen".
Ist Angst damit verbunden so beobachtet man häufig Kot- und Harnabsatz
bei ansonst stubenreinen Hunden. Der heimkehrende "Rudelführer"
wird überschwänglich begrüßt. Diese Trennungsangst
muss man von der "Zerstörungswut" abgrenzen, bei der die
Komponente Angst fehlt. Der Hund zerstört in diesem Fall aus Langeweile
das Mobiliar. Diese Unterscheidung ist wichtig, da das Trainingsprogramm
unterschiedlich zu gestalten ist. Sie tritt längere Zeit nach dem
Verlassen des Hundes auf und zwar dann, wenn die normale Ruhezeit während
des Tages von 3 bis 4 Stunden überschritten wird, und ist nicht mit
Angst verbunden. Der Hund schläft zunächst, erwacht auf, es
ist ihm langweilig und er beginnt sich zum Missvergnügen des Besitzers
mit dem Mobiliar zu beschäftigen.
Maßnahmen:
Trennungsangst: Sie tritt häufig bei Hunden auf, die zunächst
nahezu ununterbrochenen Kontakt zu ihrem Besitzer hatten. Wenn der Hundehalter
jetzt auf einmal den Hund für mehrere Stunden verlässt (Kino-,
Theaterbesuch) so kann der Hund dies nicht einordnen. Er muss also lernen,
dass der "Rudelführer wieder kommt. Dies kann man ihm folgendermaßen
beibringen: Man gibt den Hund zunächst in ein getrenntes Zimmer,
während man in der Wohnung ist. Beginnt er zu bellen oder jaulen,
so geht man kurz in das Zimmer und gibt ihm ein Kommando ("ruhig!"
oder "aus!"). Keinesfalls soll man den Hund aus dem Zimmer nehmen,
sobald er bellt oder an der Türe scharrt. Ansonst belohnt man dieses
Verhalten und es wird sich noch verstärken. In der nächsten
Stufe verlässt man die Wohnung für kurze Zeit und dehnt diese
Intervalle immer weiter aus. Man muss dabei wirklich so tun als ob man
das Haus verließe. Vor der Wohnungstür stehen zu bleiben ist
sinnlos, da der Hund seinen Besitzer durch die Tür am Geruch erkennt.
Vor dem Gehen soll der Besitzer sich nicht überschwänglich verabschieden
sondern z.B. nur sagen: "Der Hund muss warten!". Auch die Begrüßung
sollte neutral erfolgen, am besten ist es, den Hund zunächst nicht
zu beachten. Bei der Zerstörungswut ist es angebracht, den Hund,
wenn man ihn sozusagen "in flagranti" ertappt, zu bestrafen.
Da Gegenstände beschädigt werden und das Verhalten nicht gegen
den Besitzer gerichtet ist, ist hier, wenn möglich eine anonyme Bestrafung
angezeigt. Bei der Trennungsangst ist hingegen eine Bestrafung kontraproduktiv,
da der Erregungszustand dadurch noch verschlimmert werden kann.
Angstzustände ohne erkennbare Ursache und kurze Zeit dauernd
Ursachen: Kennzeichnend ist, dass diese Angstzustände unvermutet
auftreten und ebenso unvermutet verschwinden. Die Ursache ist zwar im
Moment nicht erkennbar aber bei genauer Anamnese findet man meist eine
Ursache. Ein Fallbeispiel soll dies erläutern.
Vorgeschichte und Maßnahmen
Es wir mir eine vier Jahre alte mittelgroße Mischlingshündin
vorgestellt. Die in der Wohnung des Freundes der Besitzerin manchmal Angstzustände
hat: Die Hündin verkriecht sich, zittert, hechelt und zeigt vermehrten
Speichelfluss. Nach langen Überlegungen über mögliche Ursachen,
frage ich den Freund der Besitzerin, welche elektrischen Haushaltsgeräte
in seiner Wohnung hat, da ich als Ursache ein Aggregat vermute, das sich
in bestimmten Zeitabständen selbsttätig ein- und ausschaltet.
Es werden mehrerer Geräte aufgezählt, unter anderem eine ältere
Gefriertruhe. Diese alten Geräte laufen oft relativ leise, die Pumpensysteme
versetzen aber oft den Boden, auf dem das Gerät steht, in kaum merkbare
Vibration. Die beiden Hundehalter glauben das nicht so recht. Ich gehe
daher mit ihnen und dem Hund zu einem großen Tiefkühlraum,
öffne die Tür, sodass das Aggregat anspringt und schließe
wieder die Türe. Der Hund zeigt sofort die von der Besitzerin beschriebene
Angstreaktion. Sobald der Motor des Kälteaggregates wieder abschaltet
verschwindet auch die Angstreaktion der Hündin. Damit war der Beweis
erbracht. Der Freund der Hundebesitzerin, ersetzte die alte Gefriertruhe
durch ein neues, besonders laufruhiges Gerät und das Problem des
Hundes war gelöst.
Dieses Beispiel soll zeigen, dass man bei manchen unerklärbaren Angstzuständen
mit ausreichender Ausdauer und Kombinationsfähigkeit meist eine Ursache
findet.
Stubenunreinheit
Gerade bei dieser Form einer Verhaltensstörung sind klinische Ursachen
auszuschließen. Ohne vorhergehende eingehende klinische Untersuchung
ist eine Verhaltenstherapie abzulehnen: Wird z.B. eine Entzündung
der Bauchspeicheldrüse oder eine Erkrankung der Nieren nicht rechtzeitig
erkannt und behandelt, so kann dies unter Umständen den Tod des Tieres
oder zumindest eine weitere Verschlechterung des Zustandes zur Folge haben.
Kann ein Krankheitsgeschehen ausgeschlossen werden, so kommen u.a. folgende
Ursachen in Frage:
* Bei Jungen Hunden, die nie stubenrein waren, liegt die Ursache oft darin,
dass der Besitzer den Hund nie richtig beobachtet hat, und nicht erkannte,
wann der Hund versäubern wollte.
* Der Hund war in einem Tierheim und hat die Stubenreinheit verlernt.
* Wie oben besprochen kann sie auch im Rahmen der Trennungsangst auftreten.
* Harnabsetzen beim Eintreffen seines "Rudelführers", kann
Folge großer freudiger Erregung sein.
Werden mehrerer Hunde, vor allem Rüden gehalten, so kann das Harnmarkieren
Folge von Territorialverhalten sein oder Demonstration einer hohen Stellung
in der Rangordnung des markierenden. Beobachtet man ein Hunderudel, so
bemerkt man, dass rangniedere Rüden bei Anwesenheit des Alpha-Hundes
das Bein beim rinieren ganz wenig hochheben. Tritt das Markieren in Anwesenheit
des Besitzers auf, so ist dies ein Hinweis, ass die Rangordnung nicht
stimmt.
Stubenunreinheit bei alten Hunden Maßnahmen
Sie richtet sich nach den Ursachen: Sind Welpen nicht stubenrein, so bringt
man sie in einer oben offenen Kiste unter: In einer Ecke befindet sich
das Lager und in der diagonal gegenüberliegenden wird Papier abgelegt.
Gesunde Welpen verlassen den Liegeplatz und koten und harnen auf das Papier.
Später vergrößert man die Bewegungsfreiheit, sodass der
Junghund lernt, den gesamten Wohnbereich als Liegeplatz bzw. "Seine
Höhle" aufzufassen. Der Hund sollte des öfteren nach draußen
gebracht werden und zwar in regelmäßigen Abständen, vor
allem aber nach dem Aufwachen und Fressen. Die Abstände sollten mit
zunehmendem Lebensalter vergrößert werden. Jedes Koten und
Hamen bei den Ausgängen sollte gelobt werden. Ist die Ursache in
der mangelnden Kenntnis des Besitzers zu finden, so wird man ihn entsprechend
aufklären und eventuell populärwissenschaftliche Hundebücher
empfehlen.
Liegt die Ursache darin, dass der Hund die Stubenreinheit verlernt hat,
so sollte man seine Bewegungsfreiheit so weit einschränken, dass
er sich nur im Bereich seines Lagers bewegen kann. Von Tag zu Tag kann
man dann die Bewegungsfreiheit vergrößern.
Stubenunreinheit infolge der Trennungsangst erfordert selbstverständlich
die Beseitigung der Ursachen der Trennungsangst (s.o.).
Harnabsetzen infolge freudiger Erregung muss zum Ziel haben, die Erregung
zu vermindern. Der Hund sollte auf keinen Fall überschwänglich
begrüßt werden, sondern vielmehr nicht beachtet werden. Durch
oftmaliges Weggehen und Wiederkehren in kürzeren Abständen,
kann sich der Hund in Sinne einer Desensibilisierung an das Wiederkommen
gewöhnen und somit weniger Erregung zeigen.
Handelt es sich um Markieren, so sollte zunächst mittels hormoneller
Kastration geprüft werden, ob eine chirurgische Kastration dieses
Markierverhalten beheben kann.
Ist es Folge freudiger Erregung, so sollte man die Begrüßung
möglichst neutral gestalten, oder den Hund sogar beim Betreten der
Wohnung nicht beachten.
Steckt ein Rangordnungsproblem dahinter, so ist die Rangordnung, wie schon
mehrmals besprochen, richtig zu stellen.
Werden Hunde in höherem Lebensalter stubenunrein, so ist vor allem
an klinische Ursachen und daran zu denken, dass ältere Hunde oft
nicht mehr in der Lage sind, Kot und Harn entsprechend lange zurückzuhalten.
Der Besitzer muss dem durch entsprechende Anpassung der Zeitpunkte des
letzten Spazierganges vor bzw. des ersten nach der Nachtruhe Rechnung
tragen. Gerade bei älteren Hunden können langwierige Durchfallerkrankungen
zum Verlust der Stubenunreinheit fuhren: Auch wenn die Erkrankung ausgeheilt
ist bleibt manchmal die Stubenunreinheit bestehen. Es liegt also ein Verlernen
der Stubenunreinheit vor und demnach ist, wie bereits oben beschrieben,
vorzugehen.
Störungen im Futteraufnahmeverhalten
Normalverhalten
Hunde werden zwar als Fleischfresser bezeichnet, sind aber keinesfalls
nur mit Fleisch zu futtern. Wenn ein Wolf oder Hund ein Tier jagt so frisst
er nicht nur die Muskulatur, also das Fleisch, des Beutetieres sondern
auch die Eingeweide, die beispielsweise bei einem Feldhasen ausschließlich
pflanzliche Bestandteile enthalten. Eine Eigenart der Wölfe und Hunde
ist es, Nahrung zu verstecken: Knochen oder kleinere Beutetiere werden
vergraben. Dieses Verhalten ist angeboren und setzt meist dann ein, wenn
das Tier bereits gesättigt ist. Hat man zwei oder mehrere Hunde so
kommt man zu dem Eindruck, dass manchmal etwas vor den anderen Hunden
versteckt wird, um es bei günstiger Gelegenheit allein verzehren
zu können. Diese Verhalten kann auch in Wohnungen beobachtet werden:
Manche Hunde schieben ihren Leckerbissen mit der Schnauze unter einen
Teppich und fuhren davor Grabbewegungen aus.
Einem Wolfsrudel kann es durchaus passieren, dass es mehrere Tage hindurch
keine Beute macht. (D.h. rein physiologisch stellt es kein Problem dar,
wenn ein Hund bei ausreichendem Wasserangebot zwei drei Tage lang kein
Futter bekommt.) Hat er dann wieder einmal erfolgreich gejagt, so kann
er Nahrung in der Menge aufnehmen, die einem Fünftel seines Körpergewichtes
entspricht. Ist das Nahrungsangebot bei Welpen ausreichend, so kommt es
kaum zu Auseinandersetzungen. Ist die nicht der Fall so kann es durchaus
zu Rangstreitigkeiten kommen.
Appetitlosigkeit (Anorexie)
Allzu häufig beklagen sich Hundebesitzer, dass ihr Hund zu wenig
Futter aufnimmt. Man sollte sich hier aber weniger auf die Aussage des
Besitzers verlassen als auf die eigene Beurteilung des Ernährungszustandes:
Oft werden Hunde beim Tierarzt vorgestellt, die angeblich nichts fressen
aber einen ausgezeichneten Ernährungszustand aufweisen; sie nehmen
sozusagen von Tag zu Tag zu, obwohl sie überhaupt nichts fressen.
Man sollte in diesen Fällen genau überlegen, was dem Hund an
Leckerbissen zur Verfügung steht (geräucherte Schweineohren,
Sehnen, Markies, Schmackos, Dog sticks usw.). Ist der Ernährungszustand
des Hundes tatsächlich schlecht, so ist abzuklären, ob nicht
eine klinische Erkrankung vorliegt: Veränderungen der Zähne,
Durchfallerkrankungen, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Verlust
oder Störung des Geruchssinnes usw. Ist der Hund klinisch gesund,
so ist festzustellen, seit wann die Anorexie besteht und ob sie mit einem
bestimmten Ereignis verknüpft werden kann.
Ursachen
Neben den beispielhaft erwähnten klinischen Ursachen kommen auch
depressionsähnliche zustände in Betracht:
Der Hund wird weniger beachtet als sonst, ein Familienmitglied, das für
den Hund Spielkamerad war ist ausgezogen oder ein zweiter im gleichen
Haushalt gehaltener Hund ist verstorben. Seit der Hund nichts frisst,
wird er besonders beachtet und vielleicht von der Hand gefüttert.
In diesem Fall ist an Aufmerksamkeits forderndes Verhalten zu denken.
Maßnahmen
Ist der Ernährungszustand des Hundes bedenklich so wird man, um eine
möglichst rasche Besserung des Zustandes zu erreichen, Medikamente
einsetzen. Es kommen hier vor allem Corticosteroide (Hormone der Nebennierenrinde).
Ist der Ernährungszustand noch gut, so kann man mit der Medikation
noch zuwarten und dem Hund nur zu bestimmten Tageszeiten Futter anbieten.
Keinesfalls sollten immer gefüllte Futterschüsseln herumstehen,
da dies auch die Kontrolle der Futteraufnahme erschwert. Eventuell sollte
man das Futter wechseln.
Abneigung gegenüber bestimmten Futtermitteln
Ursachen:
Der Hund hat ein bestimmtes Futter aufgenommen und kurz darauf musste
er erbrechen. Dieses Erbrechen kann durch das vielleicht verdorbene Futter
selbst ausgelöst worden sein oder aber durch ein Medikament, das
dem Hund vor der Fütterung gegeben wurde und vom Hund nicht vertragen
wurde. Der Hund assoziiert also Erbrechen mit dem gegenständlichen
Futter, obwohl dieses selbst nicht Erbrechen auslöst. Diese Assoziation
wird umso leichter zustande kommen, desto weniger dem Tier dieses Futter
vertraut ist.
Maßnahmen:
An sich nicht notwendig, da auf andere Futtermittel ausgewichen werden
kann. Ist man jedoch auf das Futtermittel z.B. aus diätetischen Überlegungen
angewiesen, so kann man versuchen es durch Geschmacksstoffe und in seiner
Konsistenz so zu verändern, dass es vom Hund nicht mehr als das ursprüngliche
Futter erkannt wird.
Kotfressen (Koprophagie)
Ob es sich dabei um Normalverhalten oder um eine Verhaltensstörung
handelt, ist zunächst von geringer Bedeutung. Das wesentliche ist,
dass es für den Besitzer abstoßend und widerlich ist, wenn
sein Hund Kot frisst. Manche Hunde fressen den Kot von Katzen, die im
gleichen Haushalt leben, oder ihren eigenen. Das Mittel der Wahl ist eine
Gegenkonditionierung: Z.B. kann man den Kot mit Pfeffer vermischen oder
anderen scharf schmeckenden Gewürzen. Damit wird Kotfressen mit dem
unangenehmen Brennen der Mundhöhle assoziiert.
Aufnehmen von Steinen und anderen Gegenständen
Insbesondere beim Herumkauen an Gegenständen ist an schmerzhafte
Prozesse im Bereich des Gebisses zu denken: Aus eigener Erfahrung weiß
der Leser, dass man manchmal bei Zahnschmerz eine kurze Linderung des
Schmerzes durch Beißen auf einen Gegenstand erfährt. Ferner
ist an aufmerksamkeitsforderndes Verhalten zu denken.
Beim Training kann man ähnlich wie bei der des Kotfressens vorgehen:
Präparieren der Gegenstände mit scharf schmeckenden Substanzen
(anonyme Bestrafung).
Fettsucht (Adipositas)
Sind klinische Ursachen ausgeschlossen (z.B. Unterfunktion der Schilddrüse),
so sollte man selbstkritisch die Fütterungsgewohnheiten überlegen:
Wie viel Futter bekommt der Hund (inklusive diverser Leckerbissen). Vor
allem bei Trockenfutter wird die Menge unterschätzt: Fleisch enthält
bis zu 80 % Wasser. Demnach muss man das Gewicht des Trockenfutters mit
einem Faktor von 5 multiplizieren!!
Aufmerksamkeitsforderndes Verhalten
Sehr oft handelt es sich dabei um ein durch den Besitzer antrainiertes
Verhalten, im Sinne der Operanten oder instrumentellen Konditionierung.
Es wurde bereits oben bei der Besprechung der Anorexie erwähnt: Dadurch
dass der Hund kein Futter aufnimmt, wendet sich ihm der Besitzer vermehrt
zu. Vielleicht versucht er sogar, den Hund mit der Hand zu futtern. Das
Nicht-Fressen wird also durch Aufmerksamkeit und vermehrte Zuwendung belohnt.
uch die Angstreaktion wird häufig unfreiwillig konditioniert: Der
Hund zeigt Angst bei Gewitter. Sie wenden sich ihm zu, streicheln ihn,
sprechen beruhigend auf ihn ein, legen t ihn neben sich auf die Couch
oder nehmen ihn zu sich ins Bett. Von mal zu mal wird der Hund mehr Angst
zeigen, da die Angstreaktion immer belohnt wird. Insbesondere Vertreter
kleiner Hunderassen werden vom Besitzer hochgenommen, sobald sich ein
größerer fremder Hund nähert. Ursache ist meist folgende.
Kleine Rüden gebärden sich oft aufgrund mangelnder Sozialisierung
aggressiv gegenüber fremden Rüden. Sobald sie bellen, nimmt
ihn der Besitzer hoch. Aus seiner sicheren Position heraus kann er den
fremden Hund verbellen. Der Hund lernt also folgenden Zusammenhang: Wenn
ich belle, werde ich hochgehoben, kann den anderen verbellen und sehe
Dinge, die ich vom Boden aus nicht sehe. In Summe nur Positives. Der Hund
wird sich also immer aggressiver geben und noch intensiver bellen, da
er dafür jedes Mal belohnt wird.
Manche Hunde simulieren Verletzungen: Hat ein Hund an einer Pfote eine
Verletzung, deretwegen er einen Verband oder Gips tragen musste, so zeigt
er manchmal auch nach Abnahme des Verbandes bzw. Gipses einen humpelnden
Gang aufgrund folgenden Lernvorganges: Während der Hund den Verband
trug, zeigte der Besitzer ihm gegenüber vermehrte Aufmerksamkeit.
Humpeln wurde also belohnt. Humpeln ist also für den Hund zu einer
Verhaltensweise geworden, die ihm vermehrte Aufmerksamkeit verschafft.
Oft verrät sich der Simulant dadurch, dass er die Seite verwechselt,
also mit der "falschen" Extremität humpelt. Meinem eigenen
Hund wurde in einem Kaufhaus in einer Tür die Pfote eingeklemmt.
Als er laut aufquietschte, wandte ich mich ihm zu und streichelte ihn
besorgt. Am nächsten Tag schimpfte ich ihn aus: Er schaute mich an
und hob die Pfote, die am Vortag eingeklemmt worden war.
das Training besteht selbstverständlich in einem Vorenthalten der
Belohnung, nämlich der Zuwendung. In manchen Fällen, z.B. beim
oben erwähnten exzessiven Bellen kleiner Hunde, wird auch eine Gegenkonditionierung
angezeigt sein, indem man das Bellen durch ein energisches "Aus"
bestraft.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
BRUNNER, F.: Der unverstandene Hund. Naturbuchverlag, Augsburg 1994
HART, B.L. und HART, L.A.: Verhaltenstherapie bei Hund und Katze. F.
Enke Verlag, Stuttgart 1991
O'FARRELL, V.: Verhaltensstörungen beim Hund. M. & H. Scharper
Verlag, Alfeld 1991
MUGFORD, R.: Hunde auf der Couch. Kynos Verlag, Mürlenbach 1991
TRUMLER, E.: Mit dem Hund auf du. Piper & Co Verlag, München/Zürich
1986
TRUMLER, E.: Hunde ernst genommen. Piper & Co Verlag, München/Zürich
1987
ZIMEN, E.: Der Hund. Goldmann Verlag, München 1992
"Verhalten und Verhaltensstörungen des Hundes"
Seminar mit Uni.Prof.Dr.Hermann Bubna - Littitz
ENTWICKLUNG (ONTOGENESE) DES HUNDEVERHALTENS
Vegetative Phase: 1. bis 2. Lebenswoche
Die Welpen werden blind geboren und der Geruchssinn ist noch schlecht
ausgebildet. Die Zitze der Hündin löst bei den Welpen Lecksaugen
aus. Die Jungen schreien, wenn sie von der Zitze verdrängt werden.
Sie zeigen noch kein Bedürfnis nach Sozialkontakt. Eine für
diese Phase typische Verhaltensweise ist das sogenannte "Kreiskriechen":
Die Welpen bewegen sich nie geradlinig sondern beschreiben Kreisbögen
oder Kreise: Dadurch wird verhindert, dass sie sich zu weit vom Lager
entfernen. Das Öffnen der Augen leitet zur Übergangsphase über.
Übergangsphase. 3. Lebenswoche
Obwohl die Augen bereits geöffnet sind, ist die Sehfähigkeit
erst mit dem 17. Bis 18. Lebenstag gegeben. Gleichfalls kann man ab dem
17. Lebenstag gegenseitiges Belecken der Welpen beobachten. Etwa ab dem
18. Lebenstag beginnen Mutter und Vater mit der Zufütterung: Der
Welpe stößt das Elterntier mit der Schnauze im Mundwinkel an,
wodurch beim Elterntier das Hervorwürgen von Nahrung ausgelöst
wird. Diese Verhalten bleibt auch noch später erhalten und wird zur
Begrüßung verwendet. Der Leser wird wahrscheinlich schon selbst
beobachtet haben, dass Hunde beim Hochspringen zur Begrüßung
ihres Besitzers versuchen, das Gesicht bzw. Den Mundwinkel mit der Schnauze
anzustupsen. Diese Entwicklungsphase endet am 21. Tag mit dem ersten Versuch
der Welpen, das Lager zu verlassen und der Mutter nachzufolgen. Sobald
die Jungen das Lager verlassen haben, spielt der Rüde sehr grob mit
ihnen, sodass der Beobachter oft um das Leben der Welpen fürchtet.
Sobald die Welpen wieder das Lager aufsuchen, stellt der Welpe dieses
grobe Spiel ein. Dadurch lernen die Jungen, dass außerhalb des Lagers
Gefahr droht.
Prägungsphase: 4. bis 7. Lebenswoche
Die Sinnesleistungen sind voll entwickelt. Dadurch wird das Erkennen von
Objekten möglich. Dies wiederum ist die Voraussetzung, dass das Einprägen
von Artgenossen und Objekten erfolgen kann. In dieser Phase ist es unbedingt
notwendig, dass der Welpe Kontakt mit Artgenossen, Erwachsenen und Kindern
hat, damit er sie später in sein Sozialverhalten mit einbezieht.
Wobei unter Kontakt nicht bloße Anwesenheit sondern Körperkontakt
gemeint ist. (Hochheben, Streicheln usw.) Ist dies nicht der Fall, so
ist zu erwarten, dass der Hund in seinem späteren Leben Angst oder
Aggression gegenüber Artgenossen, Erwachsenen oder Kindern entwickelt.
Es ist deswegen von größter Bedeutung, in der Anamnese genaue
Informationen darüber zu erhalten, unter welchen Bedingungen diese
Entwicklungsphase abgelaufen ist: War die Hündin mit ihren Welpen
in die Familie des Züchters integriert oder wurde sie mit ihren Welpen
in einem Zwinger gehalten, wobei sich der Kontakt nur auf Reinigung des
Zwingers und Fütterung beschränkte ? Auch eine Prägung
auf bestimmtes Futter ist wahrscheinlich. Um zu verhindern "Futterspezialisten"
heranzuziehen, sollten das Muttertier und die Welpen möglichst abwechslungsreich
gefüttert werden.Die Welpen saugen jetzt bereits im Stehen und berühren
vor dem Saugen das Gesäuge mit der Pfote (Milchtritt). Dieses Verhalten
wird beibehalten ("Pföteln") und ist den meisten Lesern
vermutlich aus eigener Anschauung bekannt: Wenn ein Hund etwas will, stößt
er den Besitzer mit der Pfote an. Auch das Pfote-Geben kann daraus abgeleitet
werden. In diesem Lebensabschnitt zeigen die Welpen bereits eine Reihe
von Ausdrucksbewegungen und -lauten: Schwanzwedeln, Schwanzklemmen, Mundwinkelstoßen,
Fellsträuben, Anlegen der Ohren und Knurren. Sie lernen aggressionshemmendes
Verhalten und sind sehr neugierig und lernfähig. In der Regel wachsen
die Welpen beim Züchter ohne Vater auf. Ein Rüde der gleichfalls
ohne Vater aufgewachsen ist, eignet sich auch nicht zur Erziehung der
Welpen.
Sozialisierungsphase: 8. bis 12 Lebenswoche
In dieser Phase wird der Welpe sozusagen zu einem sozialen Mitglied der
Hunde- (und Menschen-) Gesellschaft erzogen.
Der Rüde spielt wieder eine wesentliche Rolle bei der Erziehung.
Er veranstaltet Meutespiele mit den Welpen:Er fordert die Jungen auf ihn
zu verfolgen, spielt also gleichsam das Beutetier und lässt sich
am Ende sogar fangen. Von Mal zu Mal steigert er den Schwierigkeitsgrad
dieser Verfolgungsjagden. Weiteres führt er sogenannte "Tabu-Spiele"
mit den Jungen aus: Er belegt z.B. einen Knochen mit einem "Tabu":
d.h. kein Welpe darf in anrühren. Natürlich ist die Verlockung
für die Junghunde groß, sich den Knochen zu holen. Falls ein
Welpe versucht dem Rüden den Knochen wegzunehmen, packt ihn der Rüde
an der Nackenfalte und beutelt ihn kräftig durch. Daraufhin legt
sich der bestrafte Welpe auf den Rücken zur Aggressionsblockade.
Durch dieses Spiel lernen die Welpen, die Autorität des Vaters anzuerkennen.
Dieses Anerkennen drückt der Welpe durch Anstoßen mit der Schnauze,
Pfotegeben und Belecken des Mundwinkels aus. In Kampfspielen lernen die
Welpen, wie fest man im Spiel zubeißen darf: Beißt er zu;
fest so quietscht der Gebissenen laut auf und wehrt ab. Zum oben genannten
Ausdrucksverhalten kommt jetzt das Abwehrschnappen. In dieser Entwicklungsperiode
sind die Welpen sehr lernfähig.
In diesem Lebensabschnitt befindet sich der Welpe in der Regel bereits
beim neuen Besitzer. Dieser muss nun die Rolle des Rüden als Erzieher
übernehmen und sich intensiv mit dem Welpen beschäftigen. Der
Besitzer sollte bereits jetzt überlegen was dem erwachsenen Hund
erlaubt sein wird. D.h. man soll dem Junghund nicht alles durchgehen lassen:
Das Hochspringen zur Begrüßung mag bei einem Schäferwelpen
sehr nett anzusehen sein, beim ausgewachsenem Schäferhund wird dies
dann eher Unmut erregen. Was der erwachsene Hund nicht dürfen wird,
soll ihm bereits in der Sozialisierungsphase nicht erlaubt sein. Wird
der Hund beim Spielen zu grob, so soll er diszipliniert werden. Als Strafe
werden Spielabbruch, Ignorieren und Durchschütteln in der Nackenfalte
geeignet sein. Die Hunde sind auch in diesem Alter zwar sehr lernfähig,
doch soll das Lernen im Spiel erfolgen. Keinesfalls sollte man versuchen,
ein regelrechtes Dressurprogramm durchzuziehen: Dies könnte zu einer
Überforderung und späterer Wesenschwäche des Hundes fuhren.
Rangordnungsphase (13. Bis 16. Lebenswoche)
In diesem Lebensabschnitt wird die Autorität des Rudelführers
bzw. des Besitzers und seiner Familie geprüft. Dabei ist zu beachten,
dass der Hund auf die richtige Stelle in der Rangordnung verwiesen wird.
Rudelordnungsphase (5. Bis 6. Lebensmonat) '
In diesem Alter findet gemeinsame Jagd, finden Jagdspiele und Ausflüge
statt. Besonders bei der Einzelhundhaltung ist jetzt der Besitzer besonders
gefordert: All dies sollte er mit seinem Hund tun. Dazwischen können
immer wieder kurze Lernphasen eingeschaltet werden
Pubertätsphase ( 7. Lebensmonat)
Beim Rüden zeigt sich in dieser Phase zum ersten Mal das Beinheben
beim Urinieren. Die Hündin sucht sich in der ersten Läufigkeit
einen Rüden aus, den sie durch häufiges spielen an sich bindet.
Rivalinnen werden energisch vertrieben. Die Bissigkeit der Hündin
gegenüber anderen Hündinnen während der Läufigkeit
und manchmal auch außerhalb derselben ist also durchaus dem Normalverhalten
zuzurechnen. In diesem Lebensabschnitt ist es besonders wichtig, dass
der Besitzer seinen Autorität bewahrt. Nach der Besprechung der Entwicklungsphasen
1 bis 7, die im Rahmen der Anamnese besonders sorgfältig untersucht
werden sollten, insbesondere ab der Prägungsphase soll genauer auf
die Anamnese eingegangen werden,
VORGESCHICHTE DER VERHALTENSSTÖRUNG (ANAMNESE)
Man sollte mit allen Familienmitgliedern und Freunden sprechen, die in
unmittelbarem Kontakt zu dem Tier stehen. Wird noch ein zweiter oder dritter
Hund gehalten, so sollte auch deren Verhalten diskutiert werden. Durch
das Miteinbeziehen aller Personen, die mit dem eigenen Hund Kontakt haben
erhält man mehr Information über das Tier. Weiteres sehen andere
oft besser wie man mit dem Hund umgeht bzw. welche Fehler man begeht.
Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese)
Bei der gemeinsamen Erarbeitung der Vorgeschichte sollten folgende Punkte
angesprochen bzw. berücksichtigt werden:
1) Nationale des Tieres : Rasse, Geschlecht, Alter, Gewicht.
2) Fragen zur Gesundheit des Hundes:
Befunde über bereits stattgefundene klinische Untersuchungen und
Impfbescheinigungen. Welche Erkrankungen hat der Hund oder hat er bereits
durchgemacht?
3)Fragen zu den Lebensumständen des Hundes:
Aus welchen Beweggründen wurde der Hund angeschafft?
Woher stammt der Hund (Züchter, Tierhandel, Tierschutzverein)?
Wie alt war der Hund zum Zeitpunkt der Übernahme?
Ist es der erste Hund?
Wer beschäftigt sich vor allem mit dem Hund?
Wie lange wird mit dem Hund gespielt?
Wie oft und wie lange wird mit ihm ausgegangen?
Wo schläft der Hund?
Wurde der Hund ausgebildet?
Wo und bis zu welcher Ausbildungsstufe ?
4) Fragen zur Familie des Hundebesitzers:
Hat sich in der letzten Zeit eine Veränderung ergeben: Zuzug oder
Wegzug von Personen. Hat eine Trennung von einem Lebensgefährten
stattgefunden oder ist er eine neue Lebensgemeinschaft eingegangen worden?
Hat sich der Wohnsitz in der letzten Zeit geändert?
5) Fragen zu den Verhaltensproblemen:
Welche Probleme treten auf?
Wann sind sie zum ersten Mal aufgetreten?
Welches der genannten Probleme belastet am meisten?
Die unter 3) angeführten Fragen haben den Zweck herauszufinden,
welche Einstellung man zu dem Hund hat und welche "Hundeerfahrung"
vorhanden ist. Wurde der Hund überlegt gekauft, oder nur weil der
Nachbar auch einen Hund hat, oder war er gar nur eine Weihnachtsüberraschung
im wahrsten Sinne des Wortes. Von den Beweggründen die einem zum
Erwerb des Hundes geführt haben, kann man ableiten, inwieweit man
selbst und die Familienmitglieder bereit sind, beim Trainingsprogramm
mitzumachen. Aus dem Ausmaß der Beschäftigung mit dem Hund
kann man ableiten, wie stark die Bindung der einzelnen Personen zu dem
Tier ist.
METHODEN DER VERHALTENSTHERAPIE
Lerndisposition
Da Lernen eine wesentliche Rolle spielt wird hier nochmals kurz die Lerndisposition
besprochen: Wir unterscheiden zwischen
1) Angeborener Lerndisposition
2) Erworbener Lerndisposition
3) Aktueller Lerndisposition
Angeborene Lerndisposition
Sie ist genetisch festgelegt und durch sie sind einer Tierart nicht überschreitbare
Grenzen des Lernvermögens gesetzt. Beim Hund hängt die Lerndisposition
auch von der Rasse ab: Hunderassen, die über Generationen auf das
Befolgen von Befehlen selektiert wurden werden diesbezüglich sehr
gutes Lernvermögen aufweisen. Dies sind z.B. die Hütehunde (u.a.
Schäferhund und Border Collie). Hunde die hingegen auf Laufgeschwindigkeit
selektiert wurden, werden im Vergleich zu den Hütehunden geringeres
Lernvermögen aufweisen. Das bedeutet, dass man vom ursprünglichen
Verwendungszweck einer Rasse auf deren Lernvermögen schließen
kann. Dies hat besondere Bedeutung bei der Wahl der therapeutischen Mittel
und bei der Stellung der Prognose. Wobei vorweggenommen sein soll, dass
die Prognosestellung immer sehr vorsichtig erfolgen soll, um nicht beim
Besitzer den Eindruck zu erwecken, dass das betreffende Verhaltensproblem
innerhalb weniger Tage zu lösen sei.
Erworbene Lerndisposition
Sie wird durch die Umstände bestimmt, unter denen der Hund aufgewachsen
ist: Hat sich der Züchter und anschließend der Hundehalter
während der Entwicklungsphasen sehr intensiv mit dem Tier beschäftigt
und ihm eine abwechslungsreiche Umgebung verschafft, so darf man ein gutes
Lernvermögen erwarten. Ist der Hund hingegen wenig beachtet worden,
oder gar in einem Zwinger aufgewachsen, so darf man von verhaltenstherapeutischen
Methoden, die auf Lernen basieren, weniger erwarten. Dass dem tatsächlich
so ist, konnte mittels Untersuchungen an Ratten gezeigt werden: Tiere
die isoliert aufwuchsen zeigten eine geringere Gehirnrindendicke als solche,
die in einer sehr abwechslungsreichen Umwelt aufwuchsen. Hier muss bei
der Erhebung der Anamnese versucht werden, möglichst viel Information
über die Bedingungen zu erfahren, unter denen der Hund aufgewachsen
ist.
Aktuelle Lerndisposition
Sie könnte salopp als die Tagesverfassung bezeichnet werden: U.a.
bestimmen Gesundheitszustand, Hormone und Tageszeit die aktuelle Lerndisposition:
Ein krankes Tier wird selbstverständlich weniger lernfähig sein
als ein gesundes. Eine läufige Hündin wird wohl kaum neue Kommandos
lernen. Ein Lern- oder Trainingsprogramm, das während der normalen
Ruheperiode eines Hundes stattfindet, wird nur wenig Erfolg zeitigen.
Dies bedeutet, dass der Verhaltenstherapeut in seinen Empfehlungen an
den Tierbesitzer diese Faktoren berücksichtigen sollte.
Es wird eine Einteilung der Lernprozesse gegeben, in die verhaltenstherapeutisch
relevanten Lernformen
hervorgehoben werde.
Lernähnliche Prozesse (a) und Lernen (b)
a)
Prägung: - Objektprägung
Motorische Prägung Habituation
b)
Lernen obligatorisches
fakultatives j
latentes Lerne kienästhetische Lernen
* Lernsituationen: Klassische Konditionierung
Operante Konditionierung
Unter den lernähnlichen Prozessen hat die Prägung keine therapeutische
Bedeutung, da der Patient in einem Alter vorgestellt wird, in dem die
sensible Phase (vgl. Prägungsphase) bereits abgeschlossen ist. Sie
hat nur insofern Bedeutung, als in ihr bereits die Ursachen für spätere
Verhaltensstörungen liegen können (z.B.: Angst oder Aggressivität
gegenüber bzw. vor Menschen).
Habituation, Desensibilisierung
Große Bedeutung hat hingegen die Habituation oder Gewöhnung.
In der Verhaltenstherapie wird sie in Form der "Desensibilisierung
eingesetzt: Man versteht darunter das Gewöhnen an einen Reiz oder
mehrere Reize, die Furcht hervorrufen. Das Grundprinzip besteht darin,
dass man das Tier dem furchtauslösenden Reiz zunächst mit geringer
Intensität aussetzt. Von Tag zu Tag steigert man die Reizstärke,
bis sie der Intensität entspricht, mit welcher der Reiz normalerweise
auftritt: Hat ein Hund z.B. Furcht vor Schussgeräuschen, so kann
man einige Schussgeräusche auf Tonband aufnehmen und sie dem Tier
von Tag zu Tag mit etwas größerer Lautstärke vorspielen.
Man muss dabei aber sehr behutsam vorgehen. In manchen Fällen kann
der Hund so furchtsam sein, dass sogar geringe Reizintensitäten Furchtreaktionen
hervorrufen. In diesen Fällen ist man gezwungen, beruhigende Mittel
einzusetzen, damit die Desensibilisierung überhaupt erst möglich
wird. Diese Beruhigungsmittel dürfen aber keinesfalls das Lernvermögen
beeinträchtigen, da ansonst die Desensibilisierung nicht möglich
ist, sie stellt ja eine Form des Lernens dar. Im Allgemeinen erzielt man
mit dieser Methode gute Erfolge, wenn das Tier nur Furcht vor ein oder
zwei Reizqualitäten hat. Bei Angst vor Gewitter ist diese Methode
weniger erfolgreich, da mit einem Gewitter eine Vielfalt von Reizen auftritt,
die kaum nachgeahmt werden kann: Vor einem Gewitter kommt es zu starker
elektrostatischer Aufladung der Luft, es treten Luftdruckschwankungen
auf, durch den Blitz bedingte Lichterscheinungen, der Donner und damit
verbundene Vibrationen des Bodens, sodass das Aufnehmen von Donner auf
Tonband und Abspielen bei zunehmender Lautstärke, nur wenig Aussicht
auf Erfolg hat. Löst eine Vielfalt von Reizen Furcht oder Angst aus,
so kann man die normale Reizintensität und -qualität zur Desensibilisierung
nützen, wenn man den Hund mit angstlösenden Mitteln behandelt.
Die Medikamentengabe erfolgt mehrere Wochen hindurch, sodass das Tier
lernen kann, dass es vor diesen Reizen keine Furcht haben muss. Anschließend
wird die Tagesdosis des Mittels langsam verringert und schließlich
wird es überhaupt nicht mehr verabreicht.
Operante oder Instrumentelle Konditionierung
Die beiden Fallbeispiele sollen einerseits zeigen, dass eine exakte Erhebung
der Anamnese Voraussetzung für eine erfolgreiche Verhaltenstherapie
ist und andererseits, dass die Desensibilisierung ein mächtiges Instrument
bei der Behandlung von Furcht und Angst ist.
Das zweite Instrument ist die Operante oder Instrumentelle Konditionierung,
die dem fakultativen Lernen zuzuordnen ist. Unter fakultativem Lernen,
versteht man Lernen, welches nicht unbedingt für das Überleben
eines Tieres notwendig ist. Das obligatorische Lernen ist hingegen für
das Überleben notwendig. Durch dieses werden angeborene Verhaltensabläufe,
z.B. wie Beutefangverhalten verfeinert und optimiert. Zum fakultativen
(möglichen) Lernen zählen z.B. Lernprozesse im Rahmen der Dressur
bzw. Abrichtung. Bei der Operanten Konditionierung wird ein bestimmtes
Verhalten mit einer Belohnung verknüpft, wenn es erwünscht ist
und mit einer Bestrafung, wenn es unerwünscht ist. In der Verhaltenstherapie
wird diese Lernform meist als "Gegenkonditionierung" bezeichnet
und verwendet. Hat z.B. ein Hund Angst vor einer bestimmten Situation,
so kann man diese Situation mit etwas positiven verknüpfen. Setzt
ein Hund eine unerwünschte Handlung, so kann man sie mit einer Bestrafung
verknüpfen. Ist die Reaktion gegen Gegenstände gerichtet (Zerbeißen
oder Benagen von Einrichtungsgegenständen) so bestraft man anonym.
Bei der anonymen Bestrafung weiß das Tier nicht woher der Strafreiz
kommt. Beginnt ein Hund wegzulaufen, um zu wildern, so kann man ihm eine
kleinere Blechdose mit Schottersteinen oder ihm kleine Schottersteine
direkt nachwerfen. Das Wesentliche dabei ist nicht das Zufügen eines
Schmerzreizes sondern der Überraschungseffekt. Ist die unerwünschte
Handlung hingegen gegen den Besitzer gerichtet, so wird man eine deklarierte
Bestrafung anwenden, d.h. der Hund erkennt sehr wohl, von wem der Strafreiz
stammt. Diese Form der Bestrafung ist z.B. bei Aggressivität gegenüber
dem Besitzer angezeigt. Es sei hier nochmals erwähnt, dass weniger
der Schmerz als die Überraschung von Bedeutung sind: Der Schlag mit
einer zusammengerollten Zeitung ist nicht sehr schmerzhaft aber das damit
verbundenen Getöse sehr erschreckend für den Hund. Eine wirksame
Form der Bestrafung ist auch der abrupte Abbruch eines Spieles mit dem
Hund und der Entzug von Aufmerksamkeit. Die bestrafende Wirksamkeit der
Zuwendung wird oft unterschätzt: Bedenken Sie aber, dass die Nähe
beim Ranghöchsten in einem Wolfsrudel enorm belohnenden Charakter
hat. Man kann den belohnenden Effekt verstärken, indem man vorher
die Zuwendung entzieht. Die Operante Konditionierung kann auch unerwünschte
Verhaltensweisen bewirken oder verstärken: Beispiel: Ein Hund zeigt
Angst vor Gewitter. Sie nehmen ihn hoch, sprechen beruhigend auf ihn ein,
streicheln ihn und geben ihm Leckerbissen. Durch ihr Verhalten wird die
Angstreaktion des Hundes belohnt und sie wird von mal zu mal stärker
auftreten, da der Hund bei jeder dieser Angstreaktionen Zuwendung und
Belohnung erfährt.
Klassische Konditionierung
Eine dritte wesentliche verhaltenstherapeutische Maßnahme ist die
Klassische Konditionierung: Bei ihr wird ein ursprünglich neutraler
Reiz mit einem reaktionsauslösendem verknüpft. Werden beide
Reize mehrmals gemeinsam angeboten, so kann auch der neutrale Reiz die
Reaktion auslösen. Man spricht dann von einem bedingten Reflex. In
diesem Zusammenhang sei an die Untersuchungen Pawlows erinnert. Die klassische
Konditionierung wird bei der Ausbildung von Hunden oft unbewusst verwendet.
Wenn Sie einen Hund belohnen und dabei jedes mal das Wort "brav"
sagen, so wird nach einiger Zeit das Wort "brav" allein belohnenden
Charakter bekommen. Ebenso wird das Wort,,Pfui" oder "Aus"
bestrafenden Charakter erlangen, wenn dieses Wort mehrmals mit einer tatsächlichen
Bestrafung kombiniert wird. Die klassische Konditionierung kann auch unbeabsichtigt
erfolgen und zu unangenehmen Effekten beim Tier führen: Ist bei einem
Tierarztbesuch eine schmerzhafte Behandlung durchgeführt worden,
so kann dadurch eine Angstreaktion konditioniert worden sein: Der Hund
zeigt bereits beim Betreten der Ordination Angst, obwohl er noch gar nicht
behandelt wird. Diese Angst kann sich in erhöhter Herz- und Atemfrequenz,
Kot- und Harnabsatz äußern. Dies kann soweit gehen, dass bereits
der Anblick einer Person in einem weißen Mantel Angst auslöst.
Eine besondere Form der klassischen Konditionierung ist die sogenannte
sensorische Vorkonditionierung: Sind mehrmals, an sich neutrale Reize
gemeinsam, miteinander aufgetreten, und wird dann auf einen hin ein bedingter
Reflex ausgebildet, so kann auch der andere aufgrund der sensorischen
Vorkonditionierung diese Reaktion auslösen. Der Hundebesitzer trägt
zum Beispiel beim Autofahren immer eine bestimmte Bekleidung. Tierarztbesuche
erledigt der Hundehalter gleichfalls mit dem Auto. Aufgrund einer sensorischen
Vorkonditionierung zeigt der Hund Angst, sobald der Hundebesitzer diese
Kleidung anzieht und wird eventuell auch Angst vor dem Autofahren haben.
VERHALTENSSTÖRUNGEN
Einteilung der Verhaltensstörungen
Verhaltensabweichung: In der Folge wird darunter eine milde, geringgradige
Verhaltensstörung verstanden
Verhaltensstörungen:
A) Symptomatische Verhaltensstörungen
Dies sind Verhaltensstörungen, die Symptom einer anderen Erkrankung
sind. Das sogenannte Schlittenfahren des Hundes ist keine Verhaltensstörung
per se sondern u.a. Symptom eines Wurmbefalles oder einer Analbeuteldrüsenentzündung.
Das Schiefhalten des Kopfes kann Symptom einer Entzündung des Mittelohres
sein, Stubenunreinheit kann Folge einer Blasenentzündung sein, besondere
Geräuschempfindlichkeit kann Folge einer Entzündung des Mittelohres
sein usw. Hier sei nochmals betont, dass der Verhaltenstherapie eine gründliche
Untersuchung durch einen Tierarzt vorangehen soll.
B) Organpathologische Verhaltensstörungen
Sie sind durch krankhafte Prozesse im Zentralnervensystem bedingt sein:
So kann ein Tumor oder ein
entzündlicher Prozess der das limbische System betrifft Ursache von
Aggressivität ohne erkennbare äußere
Ursache sein (das limbische System ist eine Struktur des Gehirnes, die
u.a. mit der affektiven Tönung des
Verhaltens, also mit Emotionen und Aggressivität zu tun hat). Ein
schmerzhafter Prozess im Bereich der
Wirbelsäule, z.B. eine Nervenwurzelentzündung kann Ursache dafür
sein, dass der Hund den Besitzer beißt,
wenn er diese Stelle beim streicheln oder Bürsten berührt. Eine
nicht erkannte und übergangene Staupe
(zentralnervale Form) kann, wie aus eigener Anschauung bekannt, zu Ängstlichkeit
führen. Bei Verdacht auf
organpathologische Veränderungen sollte eine eingehende neurologische
Untersuchung durch einen
entsprechenden Fachtierarzt erfolgen.
C) Nicht organpathologisch bedingte Verhaltensstörungen
1.) Endogen (durch innere Ursachen) bedingte Verhaltensstörungen
a)endogen bedingte Psychosen: Sie werden vereinfacht ausgedrückt
durch Entgleisungen des Gehirnstoffwechsels verursacht. Beispiele aus
der Humanpsychiatrie sind die endogenen Depressionen und die Schizophrenie.
Dabei versteht man unter "Depression" aber nicht einfach Traurigsein,
sondern auch die eingeschränkte Teilnahme an der Umwelt. Ob Schizophrenie
beim Hund vorkommt ist unklar, wird aber von manchen Autoren vermutet.
Sie könnte periodisch auftretende Verhaltensveränderungen erklären.
b): Neurasthenie: Darunter versteht man eine "Nervenschwäche".
Beim Hund spricht man richtiger von Wesensschwäche: Die Tiere sind
psychisch wenig belastbar, sind ängstlich und reagieren oft übertrieben
in Situationen die einen anderen Hund kaum zu einer Reaktion veranlassen.
2.) Exogen (durch äußere Ursachen) bedingte Verhaltensstörungen
a) Nicht psychisch bedingt: Als Außenfaktoren kommen Gifte und
Klima in Frage. Durch extreme
Hitzeeinwirkung kann es u.a. zu Bewusstlosigkeit kommen. Durch verschiedene
Pflanzen- und
Saatgutschutzmittel können Krämpfe und Erbrechen auftreten.
b) Psychoreaktive Verhaltensstörungen
Zu ihnen gehören Störungen ("früherworbene"),
die durch falsche Umweltbedingungen während der Prägungs und
Sozialisierungsphase bestanden haben. Die daraus resultierende Problematik
wurde bereits oben besprochen. Störungen die auf momentane Reizsituationen
zurückgeführt werden können bezeichnet man als aktualreaktiv.
Dazu gehören z.B. Ersatzhandlungen und Leerlaufhandlungen: Hatte
ein Rüde z.B. längere Zeit nicht Gelegenheit zum Sexualverkehr,
so kann aktualreaktiv Masturbation oder das Aufreiten auf ungeeigneten
Objekten auftreten. Residualreaktiv bezeichnet man eine Störung dann,
wenn sie weiterbesteht, obwohl die die Verhaltensstörung auslösende
Situation nicht mehr besteht. Das bekannteste Beispiel sind Bewegungsstereotypien:
Hunde, die lange Zeit in Zwingern gehalten werden, entwickeln oft typische
Bewegungsmuster, z.B. das Entlanglaufen entlang einer Käfiggitterwand,
oder das Laufen von Achterschleifen. Verbringt man ein solches Tier in
einen weitaus größeren Zwinger, so wird manchmal dieses Bewegungsmuster
beibehalten, obwohl das Raumangebot durchaus andere Laufmuster zuließe.
Es liegt also eine residualreaktive Bewegungsstörung, nämlich
eine Stereotypie vor.
c). Technoapathien: Darunter versteht man Verhaltensstörungen, die
durch die technischen Einrichtungen der Tierhaltungssysteme verursacht
werden, Beim Haushund sind sie wohl von untergeordneter Bedeutung.
Aggressivität
Bei der Aggressivität werden verschiedene Formen unterschieden, die
kurz aufgezählt werden:
o Rivalisierende Aggressivität
o Aggressivität unter Rüden
o Angstbedingte Aggressivität
o Schmerzbedingte Aggressivität
o Territoriale Aggressivität
o Beutefangverhaltenbedingte Aggressivität
o Antrainierte Aggressivität
o Krankheitsbedingte Aggressivität
Aggressionsauslösende Faktoren
o Prägung, Sozialisierung: Hatten die Welpen in der 4. bis 12. Lebenswoche
wenig Kontakt mit Erwachsenen
und Kindern, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die so aufgewachsenen
Welpen aggressiv gegenüber
Artgenossen und Menschen sind
o Genetische Faktoren: Aus dem ursprünglichen Verwendungszweck der
einzelnen Rassen, kann abgeschätzt
werden, ob die betreffende Rasse eine geringe Aggressionsschwelle hat.
Terrier sind Erdhunde. Sie werden
in den Fuchs- oder Dachsbau geschickt, um den Fuchs herauszutreiben. Dafür
bedarf es eines sehr
kampffreudigen und mutigen Hundes. So darf es nicht wundem, dass die Aggressivität
bei diesen Rassen
ausgeprägt ist und dass sie einer intensiven Erziehung bedürfen.
o Geschlecht: Rüden sind allgemein aggressiver als Hündinnen.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass die
Aggressivität beim Rüden auf jeden Fall durch Kastration behebbar
ist
o Erkrankungen des Gehirnes, z.B. Tumore, herzförmige Prozesse im
Gehirn, die nicht zu epileptiformen
Krämpfen sondern zu anfallsweiser Aggressivität fuhren. Schmerzhafte
Erkrankungen (vgl. oben) können die
Aggressionsschwelle senken. Schlechte Sehkraft kann bewirken, dass der
Besitzer oder ein Familienmitglied
in der Entfernung nicht erkannt und verbellt wird.
Anamnese
Gerade bei der Aggression des Hundes gegenüber Artgenossen und/oder
Menschen, soll man unbedingt versuchen herauszufinden, welche Einstellung
man zur Aggressivität seines Hundes hat: Imponiert es insgeheim,
dass der Hund keine Angst veränderten Hunden und auch nicht vor Menschen
hat. Dies führt einerseits dazu, dass man oft nur sehr halbherzig
die Aggression untersagt, insbesondere, wenn sie sich gegen andere Hunde
richtet. Andererseits sind Hunde Kenner der Körpersprache des Menschen
und merken sehr rasch, wenn sozusagen die Körpersprache nicht zum
Kommando passt. Es wird dem Leser nicht entgangen sein, dass man bei manchen
Menschen schon, ohne den Hund gesehen zu haben, abschätzen kann,
welche Hunderasse der betreffende hat. Auch sollte abgeklärt werden,
ob es sich um eine antrainierte Aggressivität handelt.
Aggressivität gegenüber dem Menschen Rangordnungsbezogene Aggressivität:
Der Hund betrachtet den Besitzer und dessen Familie als Rudel. Gemäß
seinem natürlichen Verhalten versucht
er die höchste Stelle in der Rangordnung einzunehmen. Besonders kritisch
ist die Situation, wenn der Hund in
der Sozialisierungs- und Rangordnungsphase "Narrenfreiheit"
hatte. Oft tritt diese Form der Aggressivität bei
Hunden auf denen die Hundehalter weder physisch noch psychisch gewachsen
sind. In dem letztgenannten Fall
wird sich kaum ein aussichtsreiches Trainingsprogramm gestalten lassen.
Bei der Erhebung der Anamnese muss man versuchen herauszubekommen, welche
Stellung der Hund innerhalb
der Familie bezüglich der Rangordnung einnimmt.
Gegenüber wem ist er aggressiv?
Wie äußert sich die Aggressivität,
Seit wann (Geschlechtsreife?) tritt sie auf?
Hat sie sich stetig oder innerhalb kurzer Zeit (Gehirntumor?)entwickelt?
Tritt sie immer auf oder anfallsweise (epilepsieähnliche Form)?
Wer gibt dem Hund Futter (nur der Rangniedere gibt sein Futter her)?
Betritt der Hund als erster fremde Räume?
Aggressivität gegenüber Kindern
Ursachen:
a) Manche Hundebesitzer vernachlässigen ihren Hund, sobald sie Eltern
geworden sind. Somit verbindet der
Hund die Anwesenheit des Kindes mit dem negativen Erlebnis, nicht beachtet
zu werden.
b) Eine weitere Ursache kann in einer mangelhaften Prägungs- und
Sozialisierungsphase liegen: Der Hund hatte während dieser Phase
keinerlei Kontakt mit Kindern.
c) Der Hund hatte negative Erlebnisse mit einem Kind: Kinder behandeln
Tiere oft wie Spielzeug und gehen
ohne Absicht manchmal grob mit dem Hund um.
d) Kinder, die weglaufen, schreien und womöglich hinfallen, können
das Beutefangverhalten des Hundes
auslösen. Einige Unfälle mit tödlichem Ausgang sind auf
diese Weise erklärbar.
ad a)
Im Sinne einer Gegenkonditionierung muss versucht werden den Reiz "Kind"
mit etwas positiven zu verknüpfen: Bei Abwesenheit des Kindes sollte
man den Hund wenig beachten ihn jedoch bei Anwesenheit des Kindes vermehrt
Zuwendung zuteil werden lassen.
ad b)
Die Prägung und Sozialisierung ist schwer bzw. Überhaupt nicht
mehr nachholbar. Man kann nur versuchen, ähnlich wie oben mit Gegenkonditionierung
zu arbeiten. Zumindest sollte jedoch erreicht werden, dass der Hund gut
ausgebildet wird, sodass er auf Kommando beim Besitzer bleibt und sich
nicht Kindern annähert.
ade)
In diesem Fall wird die Gegenkonditionierung erfolgreicher sein als bei
mangelnder Sozialisierung.
ad d)
Diese Fälle sind zwar selten, haben aber gravierende Folgen. Eine
vorbeugende Maßnahme kann nur darin bestehen, dass man den Hund
konsequent auf Gehorsam abrichtet. Ausgeschlossen können solche Vorfälle
nicht werden. Insbesondere wenn man einen großen Hund hat, sollte
man in Bereichen, in denen sich Kinder aufhalten (Spielwiesen in Parks
u. dgl.), den Hund an der Leine fuhren. Dies ist auch in den meisten Ländern
durch Gesetz oder Verordnung vorgeschrieben.
Angstbedingte Aggression
Sie kann durch ein einmaliges traumatisches Erlebnis bedingt sein: Ist
z.B. ein Hund einmal von einem größeren Hund einer bestimmten
Rasse, angegriffen und verletzt worden, so kann er in Hinkunft Angst vor
Hunden dieser Rasse zeigen und diese Angst kann, wenn der Hund in seiner
Fluchtmöglichkeit behindert ist, z.B. dadurch, dass er angeleint
ist, in Aggression umschlagen. Aufgrund solcher Erlebnisse kann auch Angst
und Angstbeißen gegenüber bestimmten Personen oder Personengruppen
auftreten.
Die Training kann darin bestehen, dem Hund zu lernen, dass er vor dieser
Hunderasse oder Personengruppe keine Angst haben muss:
Man sucht z.B. einen Hund der betreffenden Rasse, der besonders gutmütig
ist und nähert sich diesem mit dem ängstlichen Hund vorsichtig.
Dies muss mehrerer Tage erfolgen, um eine entsprechende Desensibilisierung
zu bewirken.
Ein besonderer Fall von Aggressivität ist die gegenüber in der
Bewegung behinderter Personen: Personen die z.B. gehbehindert sind oder
große Taschen oder Säcke tragen, lösen beim Hund Angst
aus, die in Aggression übergehen kann.
Territoriale Aggressivität
Einer der Gründe für die Domestikation war sicherlich das Territorialverhalten
des Hundes und die damit verbundene Eigenschaft, zu melden, wenn sich
fremde Menschen oder Tiere diesem Territorium nähern, und sie zu
vertreiben, wenn sie das Territorium verletzen. Alles Eigenschaften, die
man von einem Wachhund erwartet. Hunde sehen sehr bald einen bestimmten
Raum oder Bereich als ihr Territorium an und verteidigen dieses. Ein Hund,
der häufig vom Besitzer mit dem Auto mitgenommen wird, sieht dieses
bald als eines seiner Territorien an und verteidigt es gegenüber
Personen, die der Besitzer zum Mitfahren einlädt. Liegt ein Hund
in einem Restaurant unter dem Tisch, so kann er unter Umständen auch
diesen kleinen Bereich als Territorium "besetzen" und Personen,
die unabsichtlich dieses Territorium verletzen, anknurren oder gar nach
ihnen beißen. Garten und Wohnung werden nahezu immer als Territorium
angesehen. Ein typisches Beispiel ist die Aggressivität gegenüber
Postboten: Der Postbote ist jemand, der häufig in das Territorium
eindringt und es oft so schnell verlässt, dass der Hund keine Gelegenheit
hat seine territoriale Aggression auszuleben. Er wartet sozusagen, bis
sich endlich eine Gelegenheit ergibt, den unliebsamen Eindringling zu
zeigen, wer "Herr im Haus" ist. Interessanterweise sind Postboten,
die diesen Dienst nur gelegentlich ausüben häufiger betroffen
als solche, die dies hauptberuflich tun. Dies dürfte damit zusammenhängen,
dass sich Aushilfspostboten unsicherer benehmen. Hunde als scharfe Beobachter
erkennen die Unsicherheit und sehen ein "Objekt", das ohne großen
Aufwand vertrieben werden kann, und dass auch wenig Gegenwehr bei einem
Angriff zu erwarten ist. Somit kann die territoriale Aggressivität
nicht unbedingt als Verhaltensstörung sondern auch als unerwünschtes
Normalverhalten gesehen werden. Da diese territoriale Aggressivität
eine Reihe von Problemen für den Besitzer mit sich bringen kann,
ist sie auch oft Gegenstand einer Behandlung. Maßnahmen
Da das territoriale Verhalten bei dominanten Tieren besonders stark ausgeprägt
ist, empfiehlt es sich zunächst, durch Ausbildung und Unterordnungsübungen
die Rangordnung sicherzustellen. Von manchen Autoren wird empfohlen, den
Hund zu bestrafen, sobald er territoriale Aggressivität zeigt. Ferner
wird empfohlen, dem Hund vollkommen die Aufmerksamkeit zu entziehen, sodass
Fremde die einzige Kontaktmöglichkeit darstellen. Diese Vorgangsweise
wird nur selten zum Erfolg führen, da die wenigsten Hundebesitzer
fähig sind, ihren Hund ein oder zwei Wochen überhaupt nicht
zu beachten. Folgender Stufenplan ist zielführend:
a) Sicherung der Dominanz des Besitzers durch Abrichtung und Unterordnungsübungen.
b) Desensibilisierung des Hundes: Man sucht mit dem Hund einen Teil des
Territoriums auf, den er weniger stark verteidigt. Dort wird dem Hund
"sitz" befohlen und man ersucht einen befreundeten Helfer, sich
dem Hund zu nähern. Solange sich der Hund ruhig verhält wird
er belohnt (verbal und durch Streicheln). Sobald er unruhig wird, wird
das Kommando erneuert. Dies wiederholt sich so lange, bis er das Kommando
nicht mehr befolgt. Ist dies der Fall, entfernt der Besitzer den angeleinten
Hund und bestraft ihn durch Nicht - Beachten. Bei dieser Vorgangsweise
sollte sich der Helfer Tag für Tag dem Hund mehr nähern können.
c) Ist eine weitgehende Annäherung des Fremden ohne Zeichen von Aggression
möglich, so kann man zu einer Gegenkonditionierung übergehen:
Man vereinbart mit dem Helfer einen Besuchstermin. Etwa einen Halbe Stunde
vor dem vereinbarten Termin, entzieht man dem Hund die Aufmerksamkeit.
Sobald der Besucher anwesend ist, wird dem Hund wieder vermehrt Aufmerksamkeit
geschenkt. Später soll die erste Beachtung des Hundes nicht durch
den Besitzer sondern durch den Besucher erfolgen. Dadurch wird erreicht,
dass der anfangs negative Reiz ,3esucher" mit positiven Eindrücken
verknüpft wird.
Schmerzbedingte Aggression
Der erste Schritt wird in einer eingehenden klinisch-neurologischen Untersuchung
durch einen Tierarzt bestehen müssen, dem als weiterer Schritt eine
entsprechende Therapie folgen muss. Oft ist aber auch nach Behebung der
schmerzauslösenden Prozesse noch die aggressive Verhaltensweise bei
Berühren der vormals schmerzhaften Stelle vorhanden. In diesem Fall
wird eine Verhaltenstherapie angezeigt sein. Das Mittel der Wahl ist die
Desensibilisierung. Der Besitzer soll den Hund zunächst durch gutes
Zusprechen beruhigen, das Angreifen nur andeuten und loben, solange der
Hund nicht reagiert. Das Andeuten soll nun in tatsächliches Berühren
übergehen. Dies kann auch mit einer Gegenkonditionierung verknüpft
werden, indem man den Hund belohnt, während man ihn berührt.
Ist die Angst vor der Berührung auf eine Körperstelle lokalisiert,
so kann man den Hund zunächst entfernt davon berühren und sich
von Tag zu Tag näher an die ehemals schmerzempfindliche Stelle herantasten.
Vor allem bei älteren Tieren und wenn der schmerzhafte Prozess lange
Zeit bestanden hat, ist sehr viel Geduld seitens des Tierbesitzers erforderlich.
Bei sehr verängstigten Tieren (z.B. infolge langwieriger, schmerzhafter
Therapie) ist eventuell zu Beginn Der Desensibilisierung eine psychopharmakologische
Angstlösung angezeigt. Die Medikation soll selbstverständlich
nach erfolgreicher Desensibilisierung (und Gegenkonditionierung) wieder
abgesetzt werden.
Aggressivität ohne erkennbare Ursache
In diesen Fällen ist eine Verhaltenstherapie erst dann angezeigt,
wenn klinisch-neurologische Ursachen ausgeschlossen sind. Hat die Untersuchung
keinerlei Hinweise auf organische Erkrankungen ergeben, so ist nochmals
eingehend die Anamnese zu erheben. Man muss jetzt daran denken, dass man
bei der ersten Besprechung vielleicht etwas vergessen hat oder, dass ein
Vorfall stattgefunden hat, der einem verschwiegen wurde. Vielleicht ist
der Hund bei Bekannten, Freunden oder in einer Tierpension gewesen und
wurde dort misshandelt. Eventuell hat ein Familienmitglied oder Partner,
welcher(es) den Hund nicht mag (Eifersucht?) den Hund geschlagen. Der
Hund sollte jedenfalls nochmals auf alte Narben im Kopf- und Rückenbereich
sorgfältig untersucht werden. Ob der Hund geschlagen wurde, kann
man mit einem einfachen Test prüfen. Man nimmt einen Stock, Leine
oder Hundepeitsche, holt mit der Hand zum Schlag aus und beobachtet, wie
der Hund reagiert: Zeigt er Furchtreaktion oder springt gar nach der erhobenen
Hand (Vorsicht!!), so kann man mit. ziemlicher Sicherheit annehmen, dass
der Hund geschlagen worden war. Da unter Umständen der Partner oder
ein Familienmitglied den Hund geschlagen hatte, muss man beim weiteren
Gespräch mit großem Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl
vorgehen. In manchen Fällen wird es vernünftig sein, diesen
Verdacht für sich zu behalten und im Sinne einer Gegenkonditionierung
und Desensibilisierung vorzugehen.
Aggressivität gegenüber Hunden
a) Hunde im gleichen Haushalt
Werden zwei oder mehrere Hunde gehalten so spielt sich unter diesen normalerweise
eine Rangordnung ein. In der Natur des Menschen liegt es den Rangniederen
zu bevorzugen. Dies entspricht aber nicht den normalen Verhältnissen
in einem Rudel: Nach dem Alpha-Rüden hat der Beta-Rüde die meisten
Vorzüge und so fort. Bei der Haltung von Hunden muss diese Rangordnung
berücksichtigt werden. Ein grober Fehler ist es, den Rangniederen
zu bevorzugen oder gar den Ranghöheren zu bestrafen, wenn er den
Rangniederen z.B. von einem besonderen Leckerbissen wegtreibt. Auch keine
Lösung ist es, die Hunde getrennt zu halten. Bei einem späteren
Zusammenführen der Hunde oder zufälligem Zusammentreffen ist
wieder das alte Problem vorhanden, vielleicht in noch krasserer Form.
Schon mehrmals wurde erwähnt, dass die Nähe beim Rudelführer,
also beim Menschen, starken belohnenden Charakter hat. Auch im Wolfsrudel
wird ein Rangniederes Tier vom zweiten in der Rangordnung vom Alpha-Tier
weggetrieben, wenn es sich dazwischen drängen will. D.h. der Hundehalter
sollte, wenn er einen von seinen Hunden zu Hause lassen muss nie den Alpha-Hund
zurücklassen. Die Aggressivität ist auch oft höher, wenn
der Besitzer anwesend ist. Unterdrückt er den Alpha-Hund, so muss
man damit rechnen, dass es bei Abwesenheit des Hundehalters zum Kampf
kommt. Die Rangordnung muss auch bei der Zuwendung und Fütterung
Berücksichtigung finden. Manche Hundebesitzer fragen oft "Ist
der Hund nicht unglücklich, wenn er der Letzte in der Rangordnung
ist?". Diese Frage kann verneint werden: Belastender und mit mehr
Stress verbunden ist eine unklare Rangordnung. Ist die Rangordnung unklar
und wünscht der Besitzer, dass Hund A über Hund B dominieren
soll, so muss er die Rangordnung unterstützen, indem er besonders
betont A als Alpha und B als Beta-Hund behandelt. In schweren Fällen
kann man versuchen, beide Hunde für ca. Eine Woche pharmakologisch
ruhig zu stellen. Auch die Kastration des für die Rolle des Rangniederen
vorgesehenen Hundes kann zum Erfolg fuhren. Bevor man die Kastration durchführt,
sollte man ihre Erfolgschancen durch eine hormonelle Kastration abklären.
Kommt ein Hund neu in einen Haushalt, in dem bereits ein anderer gehalten
wird, so ist zunächst der alteingesessene in der Rangordnung höher.
Hat man bereits einen Hund einer kleinwüchsigen Rasse, so sollte
man keineswegs einen Welpen einer großwüchsigen Rasse kaufen.
b) Unter fremden Rüden
Es gibt Rüden, die jeden anderen angreifen, egal wie groß er
ist. Dies bedeutet für kleine aggressive Hunde eine laufende Gefährdung.
Für den "Besitzer bedeutet es, dass er den Hund nicht oder nur
selten ohne Leine laufen lassen kann und dauernd aufpassen muss, ob sich
nicht ein Rüde nähert.
Maßnahmen: Hormonelle und später eventuell chirurgische Kastration,
wenn die Hormontherapie einen Erfolg
mit sich brachte.
Ist der Hund nur gegen einen bestimmten anderen Rüden, oder gegen
Rüden einer besonderen Rasse aggressiv,so kann man im Sinne einer
Gegenkonditionierung vorgehen: Man bittet den Besitzer des "Erbfeindes"
sich langsam zu nähern. Der Problemhund sitzt und wird belohnt solange
er sich ruhig verhält. Ist er gegenüber allen Rüden egal
welcher Art aggressiv, so muss man die Desensibilisierung mit Rüden
verschiedener Rassen durchführen. Begleitend wird eine Ausbildung
des Hundes, die besonderen Wert auf Unterordnung legt, sinnvoll sein.
Aggressivität aus dem Beutefangverhalten heraus
Davon können Kinder, Erwachsen (Radfahrer, Jogger) kleine Hunde und
Wild betroffen sein. Typisch dafür ist, dass ohne Vorwarnung losgehetzt
bzw. Gebissen wird. Es wäre ja auch nicht sinnvoll, wenn ein Hund
z.B. einen Hasen vorher anknurrte oder verbellte, bevor er ihm nachjagt.
Ursachen: Im Verlauf der Domestikation werden die angeborenen Auslösemechanismen
immer unspezifischer,
d.h. durch eine größere Anzahl von Reizformen auslösbar
als bei der Wildform, in unserem Fall beim Wolf.
Daraus ist auch erklärbar, warum manche Hunde großen Kraftfahrzeugen
hinterher jagen. Kleinkinder sind manchmal Opfer der Beuteaggression:
Vor allem beim Übergang von Krabbeln zum gehen,können Hunde
das Kind nur schwer einordnen. Insbesondere, wenn Kinder schreiend weglaufen,
hinfallen und dann herumstrampeln, fallen sie sehr leicht in das Schema
eines Beutetieres. Besonders gefährlich wird die Situation, wenn
mehrere Hund gemeinsam spielen, also ein Rudel bilden und dann gemeinsam
Beutefangverhalten gegenüber Kindern auslösen. Jogger und Radfahrer
sind wahrscheinlich als ,Beute" attraktiv, da sie sich rasch vom
Hund weg bewegen: Objekte. Die sich quer zum Hund oder sich von ihm weg
bewegen lösen Beute fang verhalten aus. Beutefangverhalten ist an
sich Normalverhalten. Es ist meist unerwünscht und kann abnorm gesteigert
sein. Hat ein Hund einmal erfolgreich gejagt, so ist ihm das Wildem kaum
abzugewöhnen.
Maßnahmen
Man wird ähnlich wie bei der Behandlung des Territorialverhaltens
mit Desensibilisierung und Gegenkonditionierung vorgehen. Die Gegenkonditionierung
kann hier z.B. so vorgenommen werden, dass man neben dem Hund eine mit
Schottersteinen gefüllte Blechdose fallen lässt, sobald er zur
Jagd ansetzt, oder ihm diese nachwirft, wobei er nicht getroffen werden
muss. Gleichfalls käme auch eine lange Leine in Frage, in die man
ihn hineinlaufen lässt. Der momentane starke und überraschende
Ruck am Halsband hat bestrafenden Charakter. Damit der Besitzer die Notwendigkeit
eines energischen Eingreifens einsieht, sollte man ihn drastisch auf die
zivil- und strafrechtlichen Folgen aufmerksam machen, die aus diesem Verhalten
seines Hundes erwachsen können: Verletzung von Personen, Auslösung
von Unfällen (Sturz eines Radfahrers, ein Autofahrer möchte
einem hinter einem anderen Fahrzeug nachjagenden Hund ausweichen und verursacht
einen Unfall usw.).
Gesteigerte Erregbarkeit
Allgemein gesteigerte Erregbarkeit
Man versteht darunter eine gegenüber der statistischen Norm gesteigerte
emotionale Erregbarkeit.
Prinzipiell, können wir wie beim Menschen zwei Formen unterscheiden:
Beim introvertierten Tier hat sie Furcht und Angst zur Folge.
Beim extrovertierten Tier hat sie gesteigerte Aktivität zur Folge.
Ursachen
a) genetisch
b) Jugenderfahrung z.B. Überforderung des Junghundes durch zu intensives
Training . Auch Proteinmangelernährung beim Welpen wird als Ursache
diskutiert.
c) gesteigerte Erregbarkeit des Muttertieres
d) Beziehungsarme Umgebung
e) Spätere ungünstige Erfahrungen (z.B. Hund wurde ausgesetzt
und/oder war längere Zeit in einem Tierheim)
f) Sind Sie oder Familienmitglieder leicht aus der Fassung zu bringen
oder ängstlich?
g) Inkonsequente Behandlung des Hundes
Anamnese
Bei der Erhebung der Anamnese sollte man versuchen, insbesondere über
die oben genannten Punkte
Informationen zu erhalten bzw. überlegen:
Ist etwas bekannt über die Wurfgeschwister und das Muttertier?
Stammt der Hund von einem Züchter, der sehr abgeschieden wohnte?
War der Hund in die Familie des Züchters integriert?
War der Hund schweren Belastungen ausgesetzt (z.B.: Erkrankungen mit langwieriger
schmerzhafter Therapie) ?
Macht man selbst einen ängstlichen oder sehr erregten Eindruck?
Geht es oft laut in ihrer Familie zu und gibt es oft lautstarke Auseinandersetzungen?
Behandeln alle Familienmitglieder den Hund in der gleichen Weise?
Maßnahmen
Ruhe verschaffen
Desensibilisierung
Das wichtigste wird sein, dem Hund zunächst Ruhe zu verschaffen.
Wenn in einer Familie oder zwischen Partnern oft gestritten wird, so belastet
dies oft das Tier, insbesondere wenn es noch nicht erwachsen ist. Sehr
oft werden Streitigkeiten über das Tier ausgetragen: Der Hund hat
etwas angestellt, sie schimpft ihn aus und er bedauert den Hund und streichelt
ihn. Der Hund wird in eine Konfliktsituation gebracht: Ein- und dasselbe
Verhalten wird einmal belohnt und einmal bestraft. Leicht erregbare Hundehalter
reagieren oft selbst auf ein und dasselbe Verhalten unterschiedlich: Einmal
wird der Hund wegen seiner Zutraulichkeit und dafür, dass er auf
Schritt und Tritt folgt gelobt, das andere Mal wird er vertrieben, weil
der Hundehalter sich gerade geärgert hat und ihm das Nachfolgen des
Hundes "auf die Nerven geht". Häufig sind Frauen gegenüber
dem Hund sehr konsequent und beschäftigen sich häufig mit ihm,
falls sie nicht berufstätig sind. Der Mann kommt abends nach der
Arbeit nach Hause und möchte sich jetzt beim Hund beliebt manchen
und vielleicht seine Partnerin sogar etwas ärgern, indem er dem Hund
jetzt alles angehen lässt: Er darf sich zu ihm auf die Couch setzen,
wird vom Tisch gefuttert. Es passiert also all das, was der Hund sonst
nicht darf. Abgesehen davon, dass der Hund dadurch verunsichert wird,
sinkt der Mann in der Rangordnung häufig unter den Hund ab. Diese
Inkonsequenz kann wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Partnern
führen, was wiederum den Hund belastet. Versetzen Sie sich in die
Lage eines solchen Hundes, und Sie werden verstehen, dass solch ein Tier
enormen psychischen Belastungen ausgesetzt ist.
Manche Hunde haben sogar oft mehrere Bezugspersonen und Domizile: Unter
der Woche sind manche Hunde bei den Eltern, am Wochenende oder abends
werden sie abgeholt und wohnen bei "ihren" berufstätigen
Besitzern. Die Eltern der Hundehalter verhalten sich dem Hund gegenüber
wieder anders als die Hundehalter selbst.
Mit den obigen Bemerkungen wollte ich verdeutlichen, dass in der Regel
alle Personen ihr Verhalten gegenüber dem Hund überdenken und
neu gestalten müssen, bevor eine Besserung des Hundeverhaltens zustande
kommen kann.
Wie verschafft man dem Hund Ruhe? Ihr Hund ist momentan in einer psychisch
schlechten Verfassung. Sie müssen in den nächsten Wochen darauf
achten, dass es möglichst ruhig in seiner Umgebung ist, und sprechen
sie in der nächsten Zeit nicht allzu laut. Sie müssen ihm auch
mehr Sicherheit schaffen, indem sie ihn alle in der gleichen Art und Weise
behandeln. Überlegen sie gemeinsam, was sie ihrem Hund erlauben und
was nicht. Überreagiert der Hund auf eine Vielfalt von Reizen, so
wird eine Desensibilisierung nicht möglich sein, da Sie Reiz für
Reiz desensibilisieren müssten.
Erregbarkeit durch bestimmte Geräusche
Die Geräusche auf Tonband aufnehmen. Den Hund zum Sitzen bringen,
ihn beruhigend streicheln und das Geräusch bei geringer Lautstärke
vorspielen. Sobald er Erregung zeigt, das Tonband abschalten und die Aufmerksamkeit
für mindestens 15-30 Minuten entziehen. Dies mehrmals (3-4 x) am
Tag durchführen.
Erregung in bestimmten Situationen
Erregung bei Besuchern
Sie äußert sich in überschwänglichen Begrüßen,
Verbellen des Besuchers, aufgeregtem Herumrennen oder Angst vor dem Besucher.
Ursachen: Der Hund ordnet den Besucher entweder unter Rudelmitglied oder
Eindringling ein. Je nach Veranlagung zeigt er die oben beschriebenen
Reaktionen. Jede von Ihnen ist sowohl für Besucher als auch für
den Gastgeber unangenehm. Sowohl bei übertriebener Begrüßung
durch den Hund als auch bei Angst ist Desensibilisierung das Mittel der
Wahl.
Erregung beim Autofahren
Eine gesteigerte Erregbarkeit eines Hundes stellt beim Autofahren ein
Unfallrisiko dar, da das Herumspringen des Hundes im Auto den Lenker beeinträchtigen
kann. Oft kann man auch Bellen, Speichern, Hecheln und Kauen an der Innenausstattung
des Fahrzeuges beobachten.
Ursachen
a) Bewegung des Fahrzeuges und das Motorengeräusch (Der Hund sollte
bereits in der Sozialisierungsphase im Auto mitgenommen werden).
b) Frustration: Der Hund sieht interessante Dinge (Hunde und andere Tiere),
die er nicht erreichen kann.
c) Aufgrund einer klassischen Konditionierung verbindet er Auto mit Sehen
von etwas Neuem und schließlich
mit Spaziergang. Bei längeren Fahrten ist die Verzögerung von
Spazieren gehen zu groß und aufgrund der
steigenden Erwartungshaltung steigert sich auch gleichzeitig die Erregbarkeit.
d) Unterbricht der Hundehalter die Fahrt, sobald der Hund unruhig wird
und bellt, so belohnt er dieses
Verhalten und es wird immer häufiger auftreten.
Maßnahmen:
a) Desensibilisieren: Beginnt der Hund zu Bellen, sobald sein Herr einsteigt,
sollte man gemeinsam mit ihm einsteigen und ihn loben solange er sich
ruhig verhält. Anschließen wird der Motor angelassen und stehen
geblieben. Der Hund wird wieder gelobt, solange er sich ruhig verhält.
Wenn die Intervalle des Motor- laufenlassens aufgrund der Desensibilisierung
ausreichend lang geworden sind, werden kurze Autofahrten unternommen und
keinesfalls wird mit dem Hund spazieren gegangen, wenn der Hund zu bellen
beginnt. Im Gegenteil: Fahrt unterbrechen und warten bis sich der Hund
beruhigt hat. Der Hund muss auf diese Weise lernen, dass nicht jede Autofahrt
mit einem Spaziergang endet, sondern manchmal auch dort wo sie begonnen
hat, nämlich in der Garage.
b) Es sei hier bemerkt, dass manche Hunde nur in bestimmten Autotypen
Angstreaktionen und dies wieder nur bei bestimmten Geschwindigkeiten.
Man kann vermuten, dass dies mit Vibrationen zusammenhängt die in
bestimmten Geschwindigkeitsbereichen auftreten. Infraschall (das ist Schall,
dessen Frequenz unter dem hörbaren Bereich liegt) kann vegetative
Symptome wie Erbrechen auslösen. Auch ist daran zu denken, dass eventuell
eine Ultraschallbelastung zustande kommt (Ultraschall hat eine Frequenz
über 20 kHz und kann vom Menschen nicht mehr, sehr wohl aber vom
Hund wahrgenommen werden). Ultraschall entsteht u.a. bei Motoren mit hoher
Drehzahl und bei Klimageräten.
Erregung bei Abwesenheit des Besitzers
In Edinburgh wurden vor Einführung einer tierpsychologischen Beratungsstelle
30 % der euthanasierten Hunde eingeschläfert, da sie Gegenstände
in Abwesenheit des Besitzer zerstört hatten. Dies sei vorweggenommen
um die Bedeutung dieses Problems zu unterstreichen.
Die Hunde heulen, bellen, zerkratzen und zerbeißen Gegenstände
und richten einerseits beträchtlichen Schaden an, andererseits kann
es zu Anzeigen wegen Ruhestörung kommen.
Ursachen
Aufregung über Verlust des Rudelführers. Der Hund weiß
ja nicht ob sein Besitzer wieder zurückkehrt.
Zerkratzen und Zerbeißen tritt als Übersprungshandlung auf.
Unter Übersprungshandlung, versteht man, dass von einem Verhaltens-
oder Funktionskreis in einen anderen "übergesprungen" wird,
der mit der momentanen Situation nichts zu tun hat: Vom Suchen nach dem
Rudelführer wird in den Verhaltenskreis Ruheverhalten (z.B. Graben
einer Schlafgrube auf einem Ledersofa) oder Beutefangverhalten (Zerteilen
eines Beutetieres am Ersatzobjekt Ledertasche) "übergesprungen".
Ist Angst damit verbunden so beobachtet man häufig Kot- und Harnabsatz
bei ansonst stubenreinen Hunden. Der heimkehrende "Rudelführer"
wird überschwänglich begrüßt. Diese Trennungsangst
muss man von der "Zerstörungswut" abgrenzen, bei der die
Komponente Angst fehlt. Der Hund zerstört in diesem Fall aus Langeweile
das Mobiliar. Diese Unterscheidung ist wichtig, da das Trainingsprogramm
unterschiedlich zu gestalten ist. Sie tritt längere Zeit nach dem
Verlassen des Hundes auf und zwar dann, wenn die normale Ruhezeit während
des Tages von 3 bis 4 Stunden überschritten wird, und ist nicht mit
Angst verbunden. Der Hund schläft zunächst, erwacht auf, es
ist ihm langweilig und er beginnt sich zum Missvergnügen des Besitzers
mit dem Mobiliar zu beschäftigen.
Maßnahmen:
Trennungsangst: Sie tritt häufig bei Hunden auf, die zunächst
nahezu ununterbrochenen Kontakt zu ihrem Besitzer hatten. Wenn der Hundehalter
jetzt auf einmal den Hund für mehrere Stunden verlässt (Kino-,
Theaterbesuch) so kann der Hund dies nicht einordnen. Er muss also lernen,
dass der "Rudelführer wieder kommt. Dies kann man ihm folgendermaßen
beibringen: Man gibt den Hund zunächst in ein getrenntes Zimmer,
während man in der Wohnung ist. Beginnt er zu bellen oder jaulen,
so geht man kurz in das Zimmer und gibt ihm ein Kommando ("ruhig!"
oder "aus!"). Keinesfalls soll man den Hund aus dem Zimmer nehmen,
sobald er bellt oder an der Türe scharrt. Ansonst belohnt man dieses
Verhalten und es wird sich noch verstärken. In der nächsten
Stufe verlässt man die Wohnung für kurze Zeit und dehnt diese
Intervalle immer weiter aus. Man muss dabei wirklich so tun als ob man
das Haus verließe. Vor der Wohnungstür stehen zu bleiben ist
sinnlos, da der Hund seinen Besitzer durch die Tür am Geruch erkennt.
Vor dem Gehen soll der Besitzer sich nicht überschwänglich verabschieden
sondern z.B. nur sagen: "Der Hund muss warten!". Auch die Begrüßung
sollte neutral erfolgen, am besten ist es, den Hund zunächst nicht
zu beachten. Bei der Zerstörungswut ist es angebracht, den Hund,
wenn man ihn sozusagen "in flagranti" ertappt, zu bestrafen.
Da Gegenstände beschädigt werden und das Verhalten nicht gegen
den Besitzer gerichtet ist, ist hier, wenn möglich eine anonyme Bestrafung
angezeigt. Bei der Trennungsangst ist hingegen eine Bestrafung kontraproduktiv,
da der Erregungszustand dadurch noch verschlimmert werden kann.
Angstzustände ohne erkennbare Ursache und kurze Zeit dauernd
Ursachen: Kennzeichnend ist, dass diese Angstzustände unvermutet
auftreten und ebenso unvermutet verschwinden. Die Ursache ist zwar im
Moment nicht erkennbar aber bei genauer Anamnese findet man meist eine
Ursache. Ein Fallbeispiel soll dies erläutern.
Vorgeschichte und Maßnahmen
Es wir mir eine vier Jahre alte mittelgroße Mischlingshündin
vorgestellt. Die in der Wohnung des Freundes der Besitzerin manchmal Angstzustände
hat: Die Hündin verkriecht sich, zittert, hechelt und zeigt vermehrten
Speichelfluss. Nach langen Überlegungen über mögliche Ursachen,
frage ich den Freund der Besitzerin, welche elektrischen Haushaltsgeräte
in seiner Wohnung hat, da ich als Ursache ein Aggregat vermute, das sich
in bestimmten Zeitabständen selbsttätig ein- und ausschaltet.
Es werden mehrerer Geräte aufgezählt, unter anderem eine ältere
Gefriertruhe. Diese alten Geräte laufen oft relativ leise, die Pumpensysteme
versetzen aber oft den Boden, auf dem das Gerät steht, in kaum merkbare
Vibration. Die beiden Hundehalter glauben das nicht so recht. Ich gehe
daher mit ihnen und dem Hund zu einem großen Tiefkühlraum,
öffne die Tür, sodass das Aggregat anspringt und schließe
wieder die Türe. Der Hund zeigt sofort die von der Besitzerin beschriebene
Angstreaktion. Sobald der Motor des Kälteaggregates wieder abschaltet
verschwindet auch die Angstreaktion der Hündin. Damit war der Beweis
erbracht. Der Freund der Hundebesitzerin, ersetzte die alte Gefriertruhe
durch ein neues, besonders laufruhiges Gerät und das Problem des
Hundes war gelöst.
Dieses Beispiel soll zeigen, dass man bei manchen unerklärbaren Angstzuständen
mit ausreichender Ausdauer und Kombinationsfähigkeit meist eine Ursache
findet.
Stubenunreinheit
Gerade bei dieser Form einer Verhaltensstörung sind klinische Ursachen
auszuschließen. Ohne vorhergehende eingehende klinische Untersuchung
ist eine Verhaltenstherapie abzulehnen: Wird z.B. eine Entzündung
der Bauchspeicheldrüse oder eine Erkrankung der Nieren nicht rechtzeitig
erkannt und behandelt, so kann dies unter Umständen den Tod des Tieres
oder zumindest eine weitere Verschlechterung des Zustandes zur Folge haben.
Kann ein Krankheitsgeschehen ausgeschlossen werden, so kommen u.a. folgende
Ursachen in Frage:
* Bei Jungen Hunden, die nie stubenrein waren, liegt die Ursache oft darin,
dass der Besitzer den Hund nie richtig beobachtet hat, und nicht erkannte,
wann der Hund versäubern wollte.
* Der Hund war in einem Tierheim und hat die Stubenreinheit verlernt.
* Wie oben besprochen kann sie auch im Rahmen der Trennungsangst auftreten.
* Harnabsetzen beim Eintreffen seines "Rudelführers", kann
Folge großer freudiger Erregung sein.
Werden mehrerer Hunde, vor allem Rüden gehalten, so kann das Harnmarkieren
Folge von Territorialverhalten sein oder Demonstration einer hohen Stellung
in der Rangordnung des markierenden. Beobachtet man ein Hunderudel, so
bemerkt man, dass rangniedere Rüden bei Anwesenheit des Alpha-Hundes
das Bein beim rinieren ganz wenig hochheben. Tritt das Markieren in Anwesenheit
des Besitzers auf, so ist dies ein Hinweis, ass die Rangordnung nicht
stimmt.
Stubenunreinheit bei alten Hunden Maßnahmen
Sie richtet sich nach den Ursachen: Sind Welpen nicht stubenrein, so bringt
man sie in einer oben offenen Kiste unter: In einer Ecke befindet sich
das Lager und in der diagonal gegenüberliegenden wird Papier abgelegt.
Gesunde Welpen verlassen den Liegeplatz und koten und harnen auf das Papier.
Später vergrößert man die Bewegungsfreiheit, sodass der
Junghund lernt, den gesamten Wohnbereich als Liegeplatz bzw. "Seine
Höhle" aufzufassen. Der Hund sollte des öfteren nach draußen
gebracht werden und zwar in regelmäßigen Abständen, vor
allem aber nach dem Aufwachen und Fressen. Die Abstände sollten mit
zunehmendem Lebensalter vergrößert werden. Jedes Koten und
Hamen bei den Ausgängen sollte gelobt werden. Ist die Ursache in
der mangelnden Kenntnis des Besitzers zu finden, so wird man ihn entsprechend
aufklären und eventuell populärwissenschaftliche Hundebücher
empfehlen.
Liegt die Ursache darin, dass der Hund die Stubenreinheit verlernt hat,
so sollte man seine Bewegungsfreiheit so weit einschränken, dass
er sich nur im Bereich seines Lagers bewegen kann. Von Tag zu Tag kann
man dann die Bewegungsfreiheit vergrößern.
Stubenunreinheit infolge der Trennungsangst erfordert selbstverständlich
die Beseitigung der Ursachen der Trennungsangst (s.o.).
Harnabsetzen infolge freudiger Erregung muss zum Ziel haben, die Erregung
zu vermindern. Der Hund sollte auf keinen Fall überschwänglich
begrüßt werden, sondern vielmehr nicht beachtet werden. Durch
oftmaliges Weggehen und Wiederkehren in kürzeren Abständen,
kann sich der Hund in Sinne einer Desensibilisierung an das Wiederkommen
gewöhnen und somit weniger Erregung zeigen.
Handelt es sich um Markieren, so sollte zunächst mittels hormoneller
Kastration geprüft werden, ob eine chirurgische Kastration dieses
Markierverhalten beheben kann.
Ist es Folge freudiger Erregung, so sollte man die Begrüßung
möglichst neutral gestalten, oder den Hund sogar beim Betreten der
Wohnung nicht beachten.
Steckt ein Rangordnungsproblem dahinter, so ist die Rangordnung, wie schon
mehrmals besprochen, richtig zu stellen.
Werden Hunde in höherem Lebensalter stubenunrein, so ist vor allem
an klinische Ursachen und daran zu denken, dass ältere Hunde oft
nicht mehr in der Lage sind, Kot und Harn entsprechend lange zurückzuhalten.
Der Besitzer muss dem durch entsprechende Anpassung der Zeitpunkte des
letzten Spazierganges vor bzw. des ersten nach der Nachtruhe Rechnung
tragen. Gerade bei älteren Hunden können langwierige Durchfallerkrankungen
zum Verlust der Stubenunreinheit fuhren: Auch wenn die Erkrankung ausgeheilt
ist bleibt manchmal die Stubenunreinheit bestehen. Es liegt also ein Verlernen
der Stubenunreinheit vor und demnach ist, wie bereits oben beschrieben,
vorzugehen.
Störungen im Futteraufnahmeverhalten
Normalverhalten
Hunde werden zwar als Fleischfresser bezeichnet, sind aber keinesfalls
nur mit Fleisch zu futtern. Wenn ein Wolf oder Hund ein Tier jagt so frisst
er nicht nur die Muskulatur, also das Fleisch, des Beutetieres sondern
auch die Eingeweide, die beispielsweise bei einem Feldhasen ausschließlich
pflanzliche Bestandteile enthalten. Eine Eigenart der Wölfe und Hunde
ist es, Nahrung zu verstecken: Knochen oder kleinere Beutetiere werden
vergraben. Dieses Verhalten ist angeboren und setzt meist dann ein, wenn
das Tier bereits gesättigt ist. Hat man zwei oder mehrere Hunde so
kommt man zu dem Eindruck, dass manchmal etwas vor den anderen Hunden
versteckt wird, um es bei günstiger Gelegenheit allein verzehren
zu können. Diese Verhalten kann auch in Wohnungen beobachtet werden:
Manche Hunde schieben ihren Leckerbissen mit der Schnauze unter einen
Teppich und fuhren davor Grabbewegungen aus.
Einem Wolfsrudel kann es durchaus passieren, dass es mehrere Tage hindurch
keine Beute macht. (D.h. rein physiologisch stellt es kein Problem dar,
wenn ein Hund bei ausreichendem Wasserangebot zwei drei Tage lang kein
Futter bekommt.) Hat er dann wieder einmal erfolgreich gejagt, so kann
er Nahrung in der Menge aufnehmen, die einem Fünftel seines Körpergewichtes
entspricht. Ist das Nahrungsangebot bei Welpen ausreichend, so kommt es
kaum zu Auseinandersetzungen. Ist die nicht der Fall so kann es durchaus
zu Rangstreitigkeiten kommen.
Appetitlosigkeit (Anorexie)
Allzu häufig beklagen sich Hundebesitzer, dass ihr Hund zu wenig
Futter aufnimmt. Man sollte sich hier aber weniger auf die Aussage des
Besitzers verlassen als auf die eigene Beurteilung des Ernährungszustandes:
Oft werden Hunde beim Tierarzt vorgestellt, die angeblich nichts fressen
aber einen ausgezeichneten Ernährungszustand aufweisen; sie nehmen
sozusagen von Tag zu Tag zu, obwohl sie überhaupt nichts fressen.
Man sollte in diesen Fällen genau überlegen, was dem Hund an
Leckerbissen zur Verfügung steht (geräucherte Schweineohren,
Sehnen, Markies, Schmackos, Dog sticks usw.). Ist der Ernährungszustand
des Hundes tatsächlich schlecht, so ist abzuklären, ob nicht
eine klinische Erkrankung vorliegt: Veränderungen der Zähne,
Durchfallerkrankungen, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, Verlust
oder Störung des Geruchssinnes usw. Ist der Hund klinisch gesund,
so ist festzustellen, seit wann die Anorexie besteht und ob sie mit einem
bestimmten Ereignis verknüpft werden kann.
Ursachen
Neben den beispielhaft erwähnten klinischen Ursachen kommen auch
depressionsähnliche zustände in Betracht:
Der Hund wird weniger beachtet als sonst, ein Familienmitglied, das für
den Hund Spielkamerad war ist ausgezogen oder ein zweiter im gleichen
Haushalt gehaltener Hund ist verstorben. Seit der Hund nichts frisst,
wird er besonders beachtet und vielleicht von der Hand gefüttert.
In diesem Fall ist an Aufmerksamkeits forderndes Verhalten zu denken.
Maßnahmen
Ist der Ernährungszustand des Hundes bedenklich so wird man, um eine
möglichst rasche Besserung des Zustandes zu erreichen, Medikamente
einsetzen. Es kommen hier vor allem Corticosteroide (Hormone der Nebennierenrinde).
Ist der Ernährungszustand noch gut, so kann man mit der Medikation
noch zuwarten und dem Hund nur zu bestimmten Tageszeiten Futter anbieten.
Keinesfalls sollten immer gefüllte Futterschüsseln herumstehen,
da dies auch die Kontrolle der Futteraufnahme erschwert. Eventuell sollte
man das Futter wechseln.
Abneigung gegenüber bestimmten Futtermitteln
Ursachen:
Der Hund hat ein bestimmtes Futter aufgenommen und kurz darauf musste
er erbrechen. Dieses Erbrechen kann durch das vielleicht verdorbene Futter
selbst ausgelöst worden sein oder aber durch ein Medikament, das
dem Hund vor der Fütterung gegeben wurde und vom Hund nicht vertragen
wurde. Der Hund assoziiert also Erbrechen mit dem gegenständlichen
Futter, obwohl dieses selbst nicht Erbrechen auslöst. Diese Assoziation
wird umso leichter zustande kommen, desto weniger dem Tier dieses Futter
vertraut ist.
Maßnahmen:
An sich nicht notwendig, da auf andere Futtermittel ausgewichen werden
kann. Ist man jedoch auf das Futtermittel z.B. aus diätetischen Überlegungen
angewiesen, so kann man versuchen es durch Geschmacksstoffe und in seiner
Konsistenz so zu verändern, dass es vom Hund nicht mehr als das ursprüngliche
Futter erkannt wird.
Kotfressen (Koprophagie)
Ob es sich dabei um Normalverhalten oder um eine Verhaltensstörung
handelt, ist zunächst von geringer Bedeutung. Das wesentliche ist,
dass es für den Besitzer abstoßend und widerlich ist, wenn
sein Hund Kot frisst. Manche Hunde fressen den Kot von Katzen, die im
gleichen Haushalt leben, oder ihren eigenen. Das Mittel der Wahl ist eine
Gegenkonditionierung: Z.B. kann man den Kot mit Pfeffer vermischen oder
anderen scharf schmeckenden Gewürzen. Damit wird Kotfressen mit dem
unangenehmen Brennen der Mundhöhle assoziiert.
Aufnehmen von Steinen und anderen Gegenständen
Insbesondere beim Herumkauen an Gegenständen ist an schmerzhafte
Prozesse im Bereich des Gebisses zu denken: Aus eigener Erfahrung weiß
der Leser, dass man manchmal bei Zahnschmerz eine kurze Linderung des
Schmerzes durch Beißen auf einen Gegenstand erfährt. Ferner
ist an aufmerksamkeitsforderndes Verhalten zu denken.
Beim Training kann man ähnlich wie bei der des Kotfressens vorgehen:
Präparieren der Gegenstände mit scharf schmeckenden Substanzen
(anonyme Bestrafung).
Fettsucht (Adipositas)
Sind klinische Ursachen ausgeschlossen (z.B. Unterfunktion der Schilddrüse),
so sollte man selbstkritisch die Fütterungsgewohnheiten überlegen:
Wie viel Futter bekommt der Hund (inklusive diverser Leckerbissen). Vor
allem bei Trockenfutter wird die Menge unterschätzt: Fleisch enthält
bis zu 80 % Wasser. Demnach muss man das Gewicht des Trockenfutters mit
einem Faktor von 5 multiplizieren!!
Aufmerksamkeitsforderndes Verhalten
Sehr oft handelt es sich dabei um ein durch den Besitzer antrainiertes
Verhalten, im Sinne der Operanten oder instrumentellen Konditionierung.
Es wurde bereits oben bei der Besprechung der Anorexie erwähnt: Dadurch
dass der Hund kein Futter aufnimmt, wendet sich ihm der Besitzer vermehrt
zu. Vielleicht versucht er sogar, den Hund mit der Hand zu futtern. Das
Nicht-Fressen wird also durch Aufmerksamkeit und vermehrte Zuwendung belohnt.
uch die Angstreaktion wird häufig unfreiwillig konditioniert: Der
Hund zeigt Angst bei Gewitter. Sie wenden sich ihm zu, streicheln ihn,
sprechen beruhigend auf ihn ein, legen t ihn neben sich auf die Couch
oder nehmen ihn zu sich ins Bett. Von mal zu mal wird der Hund mehr Angst
zeigen, da die Angstreaktion immer belohnt wird. Insbesondere Vertreter
kleiner Hunderassen werden vom Besitzer hochgenommen, sobald sich ein
größerer fremder Hund nähert. Ursache ist meist folgende.
Kleine Rüden gebärden sich oft aufgrund mangelnder Sozialisierung
aggressiv gegenüber fremden Rüden. Sobald sie bellen, nimmt
ihn der Besitzer hoch. Aus seiner sicheren Position heraus kann er den
fremden Hund verbellen. Der Hund lernt also folgenden Zusammenhang: Wenn
ich belle, werde ich hochgehoben, kann den anderen verbellen und sehe
Dinge, die ich vom Boden aus nicht sehe. In Summe nur Positives. Der Hund
wird sich also immer aggressiver geben und noch intensiver bellen, da
er dafür jedes Mal belohnt wird.
Manche Hunde simulieren Verletzungen: Hat ein Hund an einer Pfote eine
Verletzung, deretwegen er einen Verband oder Gips tragen musste, so zeigt
er manchmal auch nach Abnahme des Verbandes bzw. Gipses einen humpelnden
Gang aufgrund folgenden Lernvorganges: Während der Hund den Verband
trug, zeigte der Besitzer ihm gegenüber vermehrte Aufmerksamkeit.
Humpeln wurde also belohnt. Humpeln ist also für den Hund zu einer
Verhaltensweise geworden, die ihm vermehrte Aufmerksamkeit verschafft.
Oft verrät sich der Simulant dadurch, dass er die Seite verwechselt,
also mit der "falschen" Extremität humpelt. Meinem eigenen
Hund wurde in einem Kaufhaus in einer Tür die Pfote eingeklemmt.
Als er laut aufquietschte, wandte ich mich ihm zu und streichelte ihn
besorgt. Am nächsten Tag schimpfte ich ihn aus: Er schaute mich an
und hob die Pfote, die am Vortag eingeklemmt worden war.
das Training besteht selbstverständlich in einem Vorenthalten der
Belohnung, nämlich der Zuwendung. In manchen Fällen, z.B. beim
oben erwähnten exzessiven Bellen kleiner Hunde, wird auch eine Gegenkonditionierung
angezeigt sein, indem man das Bellen durch ein energisches "Aus"
bestraft.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
BRUNNER, F.: Der unverstandene Hund. Naturbuchverlag, Augsburg 1994
HART, B.L. und HART, L.A.: Verhaltenstherapie bei Hund und Katze. F.
Enke Verlag, Stuttgart 1991
O'FARRELL, V.: Verhaltensstörungen beim Hund. M. & H. Scharper
Verlag, Alfeld 1991
MUGFORD, R.: Hunde auf der Couch. Kynos Verlag, Mürlenbach 1991
TRUMLER, E.: Mit dem Hund auf du. Piper & Co Verlag, München/Zürich
1986
TRUMLER, E.: Hunde ernst genommen. Piper & Co Verlag, München/Zürich
1987
ZIMEN, E.: Der Hund. Goldmann Verlag, München 1992
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